Meine Top 10 Kritikpunkte an der Kirche


10. Die Kirche ist langweilig. Die meisten Themen und Ansprachen sind oberflächlich und immer und immer wieder das Gleiche. Die Leitfäden sind weichgespült. Die Abendmahlsversammlung erlaubt wenig Abwechslung vom Standardprogramm: zwei Kurzansprachen, Zwischenlied, Schlussansprache. Warum nicht mal wenigstens ein paar Trommeln und eine E-Gitarre?

9. Die Kirche fördert eine exklusive Haltung. Wir sind die einzig wahre Kirche. Wir alleine haben die Vollmacht Gottes. Wir müssen uns vor der Welt da draußen schützen, die immer schlechter wird. Obwohl Menschen in anderen Kirchen vergleichbare geistige Erlebnisse haben. Da ist es doch arrogant zu sagen, bei ihnen würde der Heilige Geist nur den Wahrheitsanteil bestätigen, bei uns aber das volle Paket. Letztlich würde der Heilige Geist somit ja Millionen von Menschen in gewisser Hinsicht in die Irre führen. Zumindest ist es heikel zu sagen, weil ich in der Kirche, im Tempel oder beim Lesen im Buch Mormon ein gutes Gefühl habe, ist gleichzeitig auch die komplette Geschichte von Joseph Smith bis Thomas S. Monson wahr (und alle problematischen Aspekte und gegenteiligen Hinweise können getrost ignoriert werden).

8. Die Kirche ist ein Konzern. Warum muss die Kirche Dutzende Unternehmen wie Versicherungen besitzen und Hunderte Millionen Dollar für ein Shopping-Center oder Millionen für eine juristische Lehranstalt ausgeben?

7. Die Kirche fördert Diskriminierung. Im Buch Mormon wird noch immer dunkle Hautfarbe als Fluch Gottes hingestellt. Und noch immer hat sich die Kirche nicht für die Diskriminierung von Schwarzen entschuldigt. Noch immer kursieren Vorstellungen, dass die Schwarzen im vorirdischen Dasein weniger glaubenstreu gewesen seien oder dass Mischehen Sünde sind. Aktuell geschieht ähnliches mit Homosexuellen. Hinzu kommt die immer noch vorherrschende Betonung des Patriarchats.

6. Die Kirche ist gegen die Wissenschaft. Die Kirche propagiert den Glauben an die Schöpfung vor rund 6.000 Jahren (LuB 77:6), einen buchstäblichen Adam als ersten Menschen (LuB 27:11), globale Flut (LuB 138:41, Alma 10:22), Sprachenverwirrung beim Turmbau zu Babel (Ehter 1:3-5), den wundersamen Auszug aus Ägypten durchs Rote Meer (LuB 8:3) usw. Und die buchstäbliche Bibelgeschichte müssen Mormonen ja noch toppen, da Adam in Amerika wohnte und so die Flut Noach von Amerika in den Nahen Osten bringen musste, wo die Jarediten dann nach dem Turmbau wieder hin zurückkehrten. Oder so einen Unsinn, dass die verlorenen 10 Stämme unter dem Nordpol leben und irgendwann daraus zurückkehren (LuB 110:11; 133:2), dass Satan das Wasser regiert und auf Handschlagsversuche reinfällt, das Licht der Sonne eigentlich von Kolob stammt und vieles mehr.

5. Die Kirche fördert Äußerlichkeiten und Konformität. Als ob es Gott interessiert, wie viele Ohrringe Frauen tragen oder wie lange der Rock ist und ob die Kotletten zu lang oder gar Bärte das Gesicht maskieren. Dadurch werden Jugendliche programmiert, andere auf Äußerlichkeiten hin zu prüfen und zu bewerten. Dies führt letztlich dazu, dass Frauenkörper primär als sexuelle Objekte gesehen werden. Und das wiederum mag eine Erklärung dafür sein, dass Utah die höchste Rate von Online-Pornografie-Nutzung in den USA hat und Salt Lake City mehr Schönheitschirurgen pro Einwohner als New York and Los Angeles (es ist nämlich okay große Brüste zu haben aber nicht ok kurze Röcke zu tragen, um anziehend zu wirken).Immer wieder wird Gehorsam eingefordert. Der Gipfel davon war ja Apostel Bednars Ansprache, wo er einen jungen Mann gratulierte, der die Verlobung auflöste, weil das Mädchen die zweiten Ohrringe nicht entfernt hatte, nachdem der Profet nur ein Paar Ohrringe als akzeptabel erklärt hatte. War für ein Irrsinn angesichts der wirklichen Probleme in der Welt!

4. Die Kirche entmutigt offene Auseinandersetzung mit kritischen Themen.Nur die allerwenigsten Mitglieder haben Interesse daran, mehr über die Geschichte ihrer Kirche herauszufinden. Das ist doch merkwürdig? Stattdessen werden unermüdlich Glaubensbekenntnisse rezitiert. So kann man Jahrzehntelang Mitglied sein, jeden Sonntag in die Kirche gehen, Seminar und Institut haben ohne den modernen Erkenntnissen der Bibelforscher etwas zu erfahren oder gar den unterschiedlichen Berichten von Joseph Smiths erster Vision. Sobald kritische Stimmen geäußert werden, droht der Gedanke des Glaubensabfalls. Alles, was nicht offiziell von der Kirche herausgegeben wird, ist suspekt und darf im Unterricht nicht verwendet werden. Bloß keine neuen Ideen aufkommen lassen oder Dinge hinterfragen. Und Zweifel sind ein Zeichen persönlicher geistiger Schwäche oder Entspringen gar dem Wunsch zu sündigen.

3. Die Kirche steht im Konflikt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten. Die nachprüfbaren Fakten hinsichtlich der Übersetzungen Joseph Smiths zeigen, dass diese nicht von alten Quellen abstammen. Die Papyri, von denen angeblich das Buch Abraham übersetzt wurde, wurden wiederentdeckt, übersetzt und haben nichts mit dem Inhalt des Buch Abrahams zu tun. Das von Joseph Smith konstruierte äqyptische Alphabet zeigt sich als Irrtum, ebenso wie seine Aussage, die Kinderhook-Platten stammten von einem äqyptischen Pharao. Und DNA-Analysen zeigen, dass die amerikanischen Indianer keine Verbindung zum Nahen Osten aufweisen, das Buch Mormon demnach bestenfalls inspirierte Fiktion ist. Plötzlich sollen die Nephiten und Lamaniten nur in einem winzigen Gebiet in Amerika gelebt haben. Wie dann allerdings der von Joseph Smith identifizierte Krieger Zelph in Nordamerika auftauchte, bleibt ein Rätsel.

2. Die Kirche offenbart nichts Neues mehr. Seit Joseph Smith haben wir eigentlich keine Offenbarung mehr von unseren Profeten, Sehern und Offenbarern erlebt. Brigham Youngs Lehren vom Beginn des Milleniums, von der Blutsühne und Adam-Gott oder der Prophezeiungen hinsichtlich der Schwarzen will man wohl kaum noch als Offenbarungen sehen. Wilford Woodruffs Erklärung zur Beendigung der Polygamie hat wenig von einer Offenbarung (man lese nur mal den Text). 1975 wurde die Vision Joseph F. Smiths von 1918 als LuB 138 aufgenommen. Allerdings steht diese im Widerspruch zu den Aussagen in den Heiligen Schriften und anderer Profeten. Denn darin heißt es, dass Christus nur die Rechtschaffenen in der Geisterwelt besucht habe. Joseph Smith und Brigham Young hatten explizit das Gegenteil behauptet. Die Aufhebung des Priestertum-Banns für Schwarze unter Spencer W. Kimball könnte man als Offenbarung verstehen. Die Erklärung zu Familie wird zwar von einigen Mitgliedern als Offenbarung gesehen, eine solche Aussage wurde jedoch aus Präsident Packers Konferenzansprache entfernt. Wirklich neue Lehren kamen seit Joseph Smiths Zeit nicht zu Tage. Und wenn man die Konferenzansprache von Gordon B. Hinckley im April 2003 zum Irakkrieg liest, vermisst man jedwede klare Aussage oder gar Kritik an der Regierung wie unter den alttestamentlichen Profeten üblich. Nichtsdestotrotz sind viele Ratschläge bei Generalkonferenzen gut, aber eigentlich hat sich die Welt seit Joseph Smith so sehr verändert wie nie zuvor; und doch gibt es nichts an neuer Offenbarung dazu. Und angesichts haufenweiser problematischer Äußerungen von Aposteln und Profeten - man denke nur an Joseph Fielding Smiths Äußerungen zur Evolution oder Ezra Taft Bensons Hasstiraden bei Generalkonferenzen gegen den Kommunismus - wird dennoch immer wieder eingetrichtert: "Folgt dem Profeten".

1. Die Kirche ist unehrlich. Die Kirche lehrt eine stark geschönte Version seiner Geschichte. Zu den unter den Teppich gekehrten Schwierigkeiten zählen (es wird natürlich nicht komplett verheimlicht siehe Joseph Smith Papers - aber sehr geschickt: wer kann sich die schon leisten und wird tausende Seiten lesen?):
  • Joseph Smith hatte zu Lebzeiten mehr als 30 Frauen, darunter viele sehr junge oder bereits verheiratete, von denen seine erste Frau Emma nur teilweise wusste.
  • Joseph Smiths Familie war intensiv in abergläubische und okkulte Praktiken involviert, wozu vielfache und teilweise absurde Visionen von Geistern, Engeln und Schätzen gehörten.
  • Joseph Smith war mitverantwortlich für die Verbrechen der Danites, die in Missouri geplündert und gemordet haben.
  • Joseph Smith hat sich als Oberhaupt des geheimen Rates der Fünfzig zum König Israels auf der Welt ausrufen lassen.
  • Joseph Smith hat die goldenen Platten nicht für die Übersetzung verwendet, sondern sein Gesicht in einem Hut verborgen, worin sich ein Seherstein befand, den er Jahre zuvor in einem Brunnen gefunden hatte.
  • Joseph Smith hat die Erscheinungen von Moroni und Johannes dem Täufer zunächst als Visionen bzw. Träume beschrieben und erst später als physische Ereignisse. Ebenso gaben Zeugen des Buch Mormons zu, die Platten nur mit ihrem geistigen Augen gesehen zu haben.
  • Joseph Smith hat das Freimaurertum als göttlichen Ursprungs gesehen und daher nahezu alle Mitglieder in Nauvoo zu Freimaurern werden lassen. Und davon große Teile der Tempelzeremonie entnommen.
  • Der Rat der Zwölf hatte eigentlich keine Vollmacht über die organisierten Pfähle der Kirche und somit auch die Ältesten. Daher machte Brigham Young nach Joseph Smiths Tod kurzerhand alle 2.000 Älteste zu Siebzigern.
  • Joseph Smith und Brigham Young lehrten das Prinzip der Blutsühne, wonach das Sühnopfer für bestimmte Sünden nicht ausreiche und sie daher getötet werden müssten. Dies wurde in Utah vielfach praktiziert.
  • Joseph Smith hat Alkohol getrunken, eine Bar unterhalten und sogar noch in Carthage kurz vor seiner Ermordung eine Flasche Wein geteilt.
  • Brigham Young ließ im Tempel jahrelang im Anschluss an die Begabung lehren, dass Gott Vater und Adam die gleiche Person sei.
  • Brigham Young erklärte Sklaverei als göttliches Prinzip, legalisierte Sklaverei in Utah und hielt selber Sklaven.
  • Wichtige Tempelpraktiken wie die zweite Salbung werden nicht mehr praktiziert oder wurden in erheblichem Umfang verändert. Nur Wenigen ist bewusst, dass gewisse Handzeichen noch daran erinnern, dass ursprünglich geschworen wurde, dass man sich den Hals von Ohr zu Ohr durch- oder die Gedärme rausschneiden würde.
  • Und vieles, vieles mehr.

Wie alles begann

Zu den Grundpfeilern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage / Mormonen, die verschönt, vereinfacht und mythologisiert dargestellt werden, gehören:
  • Joseph Smiths Erste Vision
  • Erscheinung Moronis
  • Übersetzung des Buches Mormon von den Goldenen Platten
  • Übertragung von Priestertumsvollmacht durch Johannes den Täufer sowie Petrus, Jakobus und Johannes

Joseph Smiths Erste Vision

1830 erstes kurzes Statement jetzt in LuB 20:5, „dass er Vergebung seiner Sünden empfangen hatte“.

1832 erster Bericht Joseph Smiths:
„…Ich schrie zum Herrn um Gnade, denn es gab niemanden anderen, an den ich mich wenden konnte, um Gnade zu erlangen, und der Herr hörte meine Schreie in der Wildnis, und während ich so den Herrn in meinem 16. Lebensjahr anrief, kam von oben eine Säule aus Licht, heller als die Mittagssonne, und ruhte auf mir und ich wurde mit dem Geist Gottes erfüllt und der Herr öffnete mir die Himmel und ich sah den Herrn und er sprach zu mir und sagte: Joseph, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben, gehe deines Weges, wandle in meinem Gesetz und halte meine Gebote. Wahrlich, ich bin der Herr der Herrlichkeit, ich wurde für die Welt gekreuzigt, damit alle, die an meinen Namen glauben, ewiges Leben haben mögen. Siehe, die Welt liegt jetzt in Sünde und nicht einer tut Gutes, sie haben sich vom Evangelium abgewandt und halten meine Gebote nicht, sie nähern sich mir mit ihren Lippen, aber ihre Herzen sind weit von mir und mein Zorn ist gegen die Einwohner der Erde entbrannt, ich werde sie wegen ihrer Gottlosigkeit heimsuchen und das zustande bringen, was ich durch den Mund der Propheten und Apostel gesprochen habe. Wahrlich, ich komme schnell, wie es von mir geschrieben steht, in einer Wolke, umhüllt von der Herrlichkeit meines Vaters. Und meine Seele war mit Liebe erfüllt und viele Tage lang konnte ich mit großer Freude jubeln und der Herr war mit mir. Aber ich konnte niemanden finden, der die himmlische Vision glauben wollte.“

Was hieraus hervorgeht ist:
  • Joseph sah die Erscheinung als persönliche Bekehrung und nicht als Berufung zu irgendeinem Werk.
  • Josephs Motivation war, Vergebung für seine Sünden zu erlangen und nicht herauszufinden, welche Kirche richtig sei.
  • Joseph berichtet von der Erscheinung des Herrn und nicht von Gott Vater und Sohn.

Drei Jahre später hatte sich seine Geschichte schon leicht geändert:
"Verwirrt in meinem Geist in Bezug auf den Gegenstand der Religion und die verschiedenen Systeme betrachtend, die den Kindern der Menschen gelehrt werden, wusste ich nicht, wer Recht hatte oder Unrecht hatte und ich hielt es von höchster Wichtigkeit, dass ich Recht habe in Angelegenheiten, die von ewigen Auswirkungen sind. Da ich so ratlos war, zog ich mich in den stillen Hain zurück und neigte mich nieder vor dem Herrn ... Ich rief den Herrn zum ersten Mal an dem oben genannten Ort an oder in anderen Worten ich machte einen vergeblichen Versuch zu beten ... Ich rief den Herrn in machtvollem Gebet an, als eine Feuersäule über meinem Kopf erschien, sie sank auf mich herab und erfüllte mich mit unaussprechlicher Freude, eine Person erschien in der Mitte dieser Flammensäule, die rundum verteilt war, und doch nichts versenkte, ein anderer Person erschien bald wie die erste, sie sprach zu mir: „Deine Sünden sind dir vergeben“. Er bezeugte, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist; und ich sah viele Engel in dieser Vision. Ich war ungefähr 14 Jahre alt, als ich diese erste Mitteilung erhielt. Als ich etwa 17 Jahre alt war, sah ich eine weitere Engelsvision in der Nacht, nachdem ich mich ins Bett zurückgezogen hatte..."

Die wichtigsten Inhalte:
  • Verwirrt über Religion  
  • Alter 14 (1820)  
  • Vision von zwei unidentifizierten Personen
  • Der Sprecher war weder Jesus noch Gott Vater, da er von Jesus als Sohn Gottes Zeugnis ablegte (beides als dritte Personen) 
  • Sah viele Engel
  • Ihm wurde gesagt, seine Sünden seien vergeben
  • Mit 17 hatte er eine weitere Vision

Spielte sich die Vision zunächst  in Josephs Geist ab, wurde die Vision nun schon viel realer als wirkliche Erscheinung dargestellt.

1838 verfasst Joseph Smith eine neue Version, die jetzt offiziell als Joseph Smiths Lebensgeschichte gilt. Darin wird die Erste Vision umgedeutet, spektakulärer dargestellt und in Beziehung zu religiösen Erweckungsbewegungen in der Gegend gesetzt. Da das Erlebnis nicht wirklich außergewöhnlich und als rein persönlich gesehen wurde, spielte die Erste Vision in der Kirche vor 1838 keine Rolle. Wie LuB 20:6-11 zeigt, wird Joseph Smiths Autorität und Beginn seiner Berufung auf das Erscheinen Moronis und die Übersetzung des Buches Mormon zurückgeführt.

Was hatte sich also 1838 verändert?

Ende 1837 bis April 1838 fand ein dramatischer Abfall von der Kirche statt (rund 15% verließen die Kirche), da die Kirtland Bank zusammengebrochen und Martin Harris verkündet hatte, keiner der Zeugen des Buches Mormon habe die Platten mit seinen natürlichen Augen gesehen. Unter diesen Umständen wurde zunächst die Kirche umbenannt und am darauf folgenden Tag begann Joseph Smith, seine Geschichte neu zu diktieren, wie es dort heißt „Infolge der vielen Gerüchte, die von übelgesinnten und hinterhältigen Leuten über Entstehung und Fortschritt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Umlauf gesetzt worden sind und die alle von ihren Urhebern ersonnen worden sind, um der Kirche als solcher und ihrem Fortschritt in der Welt entgegenzuwirken.“

Übertragung der Priestertumsvollmacht

Ein ähnliches Phänomen wie hinsichtlich der Ersten Vision lässt sich bei den Berichten zum Erscheinen Johannes des Täufers sowie von Petrus, Jakobus und Johannes zur Übertragung von Priestertumsvollmacht erkennen: Was als spirituelles Erlebnis begann, wurde später eindrucksvoller und als reales Erscheinen ausgegeben. Vor 1834 wurde nur davon gesprochen, dass Joseph und Oliver das Gebot und die Vollmacht zur Taufe durch den Urim und Thummim während der Übersetzung von 3. Nephi aus dem Buch Mormon erhielten. Die Vollmacht zur Ordinierung als Älteste soll im Hause Whitmer durch die Stimme des Herrn erteilt worden sein. 1834 spricht Oliver Cowdery dann plötzlich davon, dass sie das Priestertum durch Engel erhalten hätten, während sie eine Vision hatten. Genauso hätten sie am Flußufer Satan als Engel des Lichts gesehen und Michael, der ihn vertrieben hat. Und schließlich wurde es als physisches Erscheinen von Engeln mit Händeauflegen erklärt.

Was war wiederum der Grund für den Wandel?

Ende 1833 hatten im Zusammenhang mit dem Misserfolg des Zions-Camps mehrere Mitglieder die Vollmacht Joseph Smith öffentlich angezweifelt und Untersuchungen hinsichtlich der Vergangenheit Joseph Smiths als Schatzsucher gestartet. Folglich wurden die dazugehörigen Verse in LuB 27:8 und LuB 7 nachträglich hinzugefügt, denn in der Ausgabe von 1833 waren sie noch nicht enthalten.

Die Zeugen der Goldenen Platten

Auch das Zeugnis der 11 Zeugen im Hinblick auf die Goldenen Platten ist nicht so buchstäblich zu verstehen, wie es dargestellt wird. Alle 11 Zeugen teilten eine magische, aus heutiger Sicht abergläubische Weltsicht mit Hexen, Geistern, magischen Ritualen, Amuletten, Flüchen usw. Martin Harris hat auch bezeugt, bei einer Schatzsuche 1827 eine Schatzkiste mit Porter Rockwell zusammen gefunden zu haben, die durch unsichtbare Mächte wieder ins Erdreich hinabgleitete. Mit Hilfe von Sehersteinen wurden derartige Schätze und ihre Schutzgeister angeblich in den Hügeln gesichtet. An Ort und Stelle wurden dann magische Kreise mit speziellen Dolchen um die vermeintlichen Fundorte gezogen und mit durch Hühnerblut oder Schweinekot getränkte Stöcke abgesichert, so dass die wachenden Geister diese nicht entfernen könnten. Genauso glaubte Oliver Cowdery, durch Wünschelruten ebenfalls Geheimnisse lüften zu können. Zusammen mit David Whitmer hatten sie angeblich einen Nephiten mit Aufzeichnungen herumlaufen sehen. Ebenso besaß Hiram Page Sehersteine. David Whitmer behauptete noch in den 1870er Jahren, sein Enkel könne Schätze in Höhlen sehen sowie am Nordpol Riesen und am Südpol Lilliputaner. Kurzum alle Zeugen glaubten an Hellsehen und das zweite Gesicht und hatten diverse angebliche Erfahrungen mit Indianer- und Piratengeistern, Engeln und unterirdischen Schatzkammern mit Büchern und Schätzen. Angeblich konnten sie im Hügel Cumorah Wagenladungen voll mit Aufzeichnungen und Gold sehen. Das haben Heber C. Kimball und Brigham Young bestätigt. Und auch William W. Phelps erzählt davon, dass Joseph, Hyrum, Oliver Cowdery und die Whitmers zum Hügel Cumorah liefen, sich eine Tür öffnete und sie in einen Raum traten mit den Goldenen Platten, dem Schwert Labans usw. David Whitmer spricht davon, dass sie im Geist Dinge sehen konnten als seien sie tatsächlich da. So konnte auch James Strang nach dem Tod Joseph Smiths sieben Zeugen finden, die bestätigten, dass er genau wie Joseph Platten gefunden hatte (als Buch des Gesetzes des Herrn angeblich übersetzt). Zunächst konnte er auch mehrere der Zeugen des Buch Mormons als Anhänger gewinnen.

Dies zeigt, dass man die Zeugenaussagen mit Vorsicht betrachten und die abergläubische Weltanschauung der Zeugen berücksichtigen muss.

Als sich die Anhängerschaft Joseph Smiths über seine Schatzsucher-Gruppe hinaus ausweitete, wurden die magischen Anfänge und Hinweise mehr und mehr zurückgedrängt und nachträglich entfernt. So wurde beispielsweise aus der Offenbarung an Oliver Cowdery hinsichtlich seiner göttlichen Gabe die Worte bzgl. Wünschelruten entfernt.

Übersetzung des Buch Mormons

Der Aberglaube von Joseph Smith und seiner Familie zeigt sich auch im Bericht vom Erlangen der Goldenen Platten. Joseph Smith war so eine Art Hellseher der Gegend und leitete die Schatzsuch-Expeditionen an, wurde jedoch auch bei verlorenen Pferden usw. konsultiert.  Die Erscheinung Moronis und der Bericht von verborgenen Aufzeichnungen war keine Überraschung. Joseph Smith hatte mit seinem Seherstein im Hut ständig Visionen und Träume von verborgenen Schätzen. Und nach Auskunft Oliver Cowderys hatte Joseph Smith am 21. September 1823 intensiv versucht, mit einem überirdischen Wesen in Kontakt zu treten. Warum erinnerte er sich so genau an das Datum? Weil Datum und Uhrzeit eine besondere astrologische und magische Bedeutung hatten. Die weiteren Erlebnisse passen genau in das magische Schatzsucher-Schema:
  • 3 Besuche waren ein Zeichen für die Wichtigkeit und Realität.
  • Um den Schatz zu erlangen, mussten die Regeln genau beachtet werden.
  • 3 Versuche, um den Schatz zu erlangen mit Einjahres-Bewährung.
  • Richtige Begleitung notwendig, um Schatz zu erlangen (erst Alvin, dann Emma – als Alvin Tod war, gab es sogar Gerüchte, die Smiths hätten seine Leiche geschändet, um dadurch den Schatz bergen zu können, was Joseph Smith Sr. in mehreren Zeitungsinseraten bestritt)
  • Richtige Kleidung notwendig (schwarzer Anzug und Pferd).
  • Richtiger astrologischer Zeitpunkt.
  • Die Aufzeichnungen/Schätze werden von Geistern bewacht, die sie ursprünglich vergraben haben (übrigens wurde Moroni als der Engel von 1823 erst 1835 identifiziert - vorher hatte er keinen Namen - und 1838 hat Joseph Smith erklärt, es sei Nephi gewesen).
Nach dem angeblichen Erlangen der Goldenen Platten begann die Verfolgung Joseph Smiths nicht wegen der Behauptung an sich, sondern weil er den ‚Schatz‘ nicht mit seinen früheren Schatzsucher-Kumpanen teilen wollte. Die Übersetzung selber erfolgte mit dem gleichen Seherstein, den Joseph zuvor für die Schatzsuche verwendet hatte, indem er diesen in einen Hut legte, sein Gesicht darin verbarg und dann diktierte. Die Platten selber hat er für die ‚Übersetzung‘ nicht verwendet.

Man sieht also, dass die Ursprünge der Kirche einen magischen Hintergrund haben. So wurde auch die Kirche nicht etwa an einem Sonntag, sondern einem speziellen astrologisch günstigen Dienstag gegründet. Für die ersten Mitglieder der Kirche vermischte sich Traum, Vision und Realität sowie Astrologie, Magie und Religion. Neben der intensiven Mitwirkung an magischen Ritualen und Praktiken war Joseph Smith auch intensiv an der Erweckungsbewegung beteiligt und diente als ‚Ermahner‘ bei den Methodisten.

Ist das Buch Mormon die Übersetzung eines alten Dokuments oder das Produkt Joseph Smiths?

Viele Fachleute sind sich einig: das Buch Mormon ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Dies insbesondere aus folgenden Gründen:

1. Widersprüche zu archäologischen Funden und Erkenntnissen über die vorkolumbischen amerikanischen Kulturen
  • Keinerlei Hinweise Pferde und Wagen
  • Keine domestizierten Tiere wie die genannten Schafe, Schweine, Rinder (ganz zu schweigen von den erwähnten Elefanten)
  • Keinerlei Hinweise auf Weizen und Gerste
  • In Mesoamerika gab es keine Metallverarbeitung und somit auch keine Schwerter aus Stahl
  • Wein- und Olivenölherstellung war unbekannt (mit dem Gleichnis vom Ölbaum hätte niemand etwas anfangen können)
  • Münzen gab es nicht
  • Keinerlei Hinweise auf hebräischen und ägyptische Sprache
  • Unrealistische Bevölkerungszahlen
  • Unrealistische Zahlen hinsichtlich Truppenstärken (vor Schusswaffen und modernen Logistikmöglichkeiten nie mehr als ein paar Hundert Soldaten in Schlachten)
  • DNA-Analysen zeigen keine semitische Herkunft von Indianerstämmen und Besiedlung vor rund 16 Tausend Jahren
  • Plötzliche Hautpigmentänderung der Lamaniten
2. Verwendung von Phrasen und Zitaten aus der King James Version der Bibel
  • In Moroni 7 findet man die berühmten Worte des Paulus aus 1. Korinther 13
  • Hunderte von Ausdrücken aus der King James Version der Bibel finden sich wieder
  • Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Jesus die Bergpredigt auf dem amerikanischen Kontinent so wiedergegeben hat, wie sie in Matthäus 5-7 zu finden ist
  • Das Buch Mormon zitiert 433 Verse aus Jesaja, darunter Teile, die erst in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft entstanden sind – also nachdem Nephi und Lehi längst in Amerika waren
3. Christologie und Theologie des 19. Jahrhunderts
  • Fast wortwörtliche Übereinstimmung zwischen dem Westminster Bekenntnis der Presbyterianischen Kirche von 1729 und Alma 40
  • Mosia und Alma ist voll von der Erweckungs-Rhetorik der 1820er Jahre - bspw. die Rede König Benjamins mit Turm, Predigt von der Nichtigkeit des Menschen bis hin zum Umfallen bei der Bekehrung (diese Rhetorik hatte großen Erfolg in der Bekehrung von Menschen damals und ist eine Erklärung dafür, dass sie uns auch heute anspricht und Christus näher bringt)
  • Theologische Fragen des 19. Jahrhunderts zur Errettung werden adressiert
  • Im Alten Testament unbekannte Lehren über Christus, Auferstehung usw. werden gelehrt
Hätte Joseph Smith das Buch Mormon selbst schreiben können?

Seine Mutter, Lucy Mack Smith, erzählte einmal folgende Geschichte über ihren 18-jährigen Sohn Joseph: „Während unserer abendlichen Unterhaltungen beschrieb Joseph die alten Bewohner dieses Kontinents, deren Kleidung, Art und Weise der Fortbewegung und die Tiere, auf denen sie ritten; deren Städte, Gebäude und dies mit großer Genauigkeit; deren Art der Kriegsführung und auch deren religiöse Verehrung. Dies tat er mit solcher Leichtigkeit, als ob er sein ganzes Leben unter ihnen verbracht hätte.“

Dies war im Jahre 1823, also lange bevor Joseph Smith mit der Übersetzung des Buches Mormon begonnen hatte.

Woher hatte er damals eine Vorstellung vom Leben der alten Indianer?

Nun, zunächst muss man wissen, dass Joseph zwar wenig gebildet aber dafür intelligent war und einiges an Phantasie hatte. Weiterhin gab es zu dieser Zeit eine allgemeine Auffassung über die Herkunft und Lebensweise dieser Menschen, die in etlichen Büchern zu finden war. Viele dieser Bücher waren Joseph Smith bekannt oder zumindest zugänglich. Es ist falsch anzunehmen, dass die Ideen um das Buch Mormon neu oder einzigartig waren. Viele der Bücher dieser Zeit sprachen davon, dass die verlorenen zehn Stämmen die Vorfahren der Indianer seien. Sie berichteten von zwei sich rivalisierenden Gruppen, einer weißen Gruppe, die durch Krieg vernichtet wurde usw.

So unglaublich es für viele Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage / Mormonen klingen mag, aber auch ein Präsident der Siebziger und einer der größten Gelehrten und Historiker der Kirche, B.H. Roberts, kam zur Auffassung, dass Joseph Smith Themen für das Buch Mormon aus anderen Büchern der damaligen Zeit entlehnt haben könnte.
Nachdem Roberts das Buch View of the Hebrews von Ethan Smith studiert hatte, welches 1825 publiziert wurde, zeigte er 18 Parallelen zwischen diesem und dem Buch Mormon auf und schrieb:
„Ein weiteres Thema bleibt hier noch zur Betrachtung übrig… - besaß Joseph Smith eine ausreichend lebhaftes und kreatives Vorstellungsvermögen, um aus solchem Material, wie in den vorangegangenen Kapiteln aufgezeigt, das Buch Mormon zu schreiben…. Dass solche Vorstellungskraft von einer höheren Ordnung stammt wird hier zugestanden und es besteht kein Zweifel, dass Joseph Smith einen solch begabten Kopf besaß…..
Im Licht dieser Beweise kann es keinen Zweifel geben, dass Joseph Smith, der Prophet, im Besitz einer solchen lebhaften, starken und kreativen Vorstellungskraft war. Eine Vorstellungskraft die es ihm ermöglichen würde - mit den Vorstellungen, die im ‘Allgemeinwissen’ über anerkanntes amerikanisches Altertum der damaligen Zeit gefunden wurden, unterstützt durch ein Werk, wie Ethan Smiths View of the Hebrews - ein Buch wie das Buch Mormon zu entwerfen.”

Parallelen zwischen dem Buch Mormon und View of the Hebrews:
  • Dieselbe Herkunft: Die Indianer sind wirklich Israeliten
  • Dieselben Merkmale: Die Indianer waren einst sachkundig in Literatur, Kultur und Religion
  • Die selbe Hervorhebung: Jesaja und die Wiederherstellung Israels
  • Dieselbe Ansicht: Die Amerikaner sind prophetisch berufen, den Indianern das Evangelium zu predigen.
  • Dieselbe Einwanderungsroute: Eine lange Reise nordwärts, finden „Viele Wasser” (Jarediten).
  • Dasselbe Schicksal: Eine Teilung in zivilisierte und barbarische Gruppen. Die Zivilisierten werden schließlich vernichtet.
  • Dieselbe Kultur: Die Ureinwohner Amerikas sollen Menschen der Eisenzeit gewesen sein.
  • Dieselbe Herkunft: Alle Rassen stammen von einer Familie. Alle Sprachen entstammen dem Hebräischen.
  • Dieselbe Religion: Die Vorfahren der Indianer dienten dem Großen Geist aber verfielen dann in Götzendienst.
  • Dieselben Schriften: Ein „verlorenes Buch Gottes”, welches in einem indianischen „Hügel” vergraben wurde.
  • Dieselben Einrichtungen: Militärische und heilige Türme. Von der Monarchie zur republikanischen Regierung.
  • Dasselbe Christentum: Das Evangelium und Christus waren im alten Amerika bekannt.
War Joseph Smith ein Betrüger oder handelt es sich um „inspirierte Fiktion“?

Auch in der Bibel - sowohl im Alten als  auch Neuen Testament - besteht das Problem der Existenz so genannter pseudonymer bzw. pseudographischer Schriften und damit die Frage nach der Authentizität und Wahrheit biblischer Schriften bzw. deren göttliche Inspiration.

Die heutige Bibelforschung nimmt an, dass einige biblische Bücher oder Teile davon, fälschlicherweise den genannten Verfassern zugeschrieben werden. Das heißt, unbekannte Autoren haben die ‚großen‘ Namen wie Mose & Co. genutzt, damit ihre Lehren Beachtung finden. Beispielsweise werden im Alten Testament viele Psalmen, die König David zugeschrieben werden, Deuteronomium sowie das Buch Daniel als Pseudepigraphien gewertet; im Neuen Testament werden manche Briefe aufgrund der im Text angegeben Verfasserangaben zu den Pseudepigraphen gezählt, wie beispielsweise der Kolosserbrief, der angibt, vom Apostel Paulus verfasst worden zu sein. Andere Beispiele sind der Brief des Jakobus, der Judasbrief u.a.

Pseudographie heißt jedoch nicht einfach boshafte Fälschung, um Leser zu täuschen. Man spricht daher bei der religiösen Pseudonymität mitunter von echter religiöser Pseudepigraphie, wenn deren Texte nicht mit einer Täuschungsabsicht entstanden sind. Der Verfasser glaubt, in einem inspirierten mythisch-religiösen Erleben die Worte des Geistes Gottes zu schreiben. Das Erlebnis der Inspiration ist ein legitimer Grund für die Herstellung von Fälschungen: der Schreiber erhält in einer Entrückung, Vision oder Audition einen besonderen Auftrag. Diese Vorstellung ist allerdings schwer mit der Verurteilung von Lüge und Identifikation von Gott mit Wahrheit in Harmonie zu bringen.

Allerdings können Lehren und Geschichten unabhängig von ihrer Historizität einen Wert haben. Beispiel hierfür sind die Gleichnisse und Erzählungen Jesu. So hat die Geschichte vom barmherzigen Samariter einen hohen Wert, auch wenn die Geschichte rein fiktiv also nicht tatsächlich passiert ist. In diesem Fall ist es auch keine Irreführung.

Genauso kann das Buch Mormon wertvoll sein, auch wenn es keinen historischen Nephi und Alma gegeben hat. Voraussetzung wäre jedoch, dass man aufhört, so zu tun, als seien die dort beschriebenen Geschichten tatsächlich geschehen und nicht erst im 19. Jahrhundert im Kopf von Joseph Smith (unter göttlicher Inspiration?) entstanden.

Wenn wir die Geschichten von der Ersten Vision, den Goldenen Platten, der Priestertumswiederherstellung, der Erscheinung Elijahs oder der Initiierung der Mehrehe oder der Tempelverordnungen im Lichte Joseph Smiths Hintergrund als Hellseher und Erweckungsprediger betrachten, kristallisiert sich ein Muster heraus: Joseph Smith hatte ein besonderes Talent bzw. Einbildungskraft, aus seiner Umgebung heraus vorhandene Inhalte als neue "Offenbarungen" zu verpacken bzw. diese so zu erleben. So konnte er ein Skelett beim Zions-Camp als Lamamiten Zelph identifizieren, ein Mäuerchen in Missouri als Opferaltar von Adam, aus der Mäßigungsbewegung das "Wort der Weisheit" machen oder aus dem Freimaurertum die Tempelzeremonien. Und beim Buch Abraham aus der Köstlichen Perle ja ähnlich. Teile des angeblich zugrunde liegenden Pergaments wurden wiedergefunden und von Ägyptologen untersucht. Ergebnis: Hat nichts mit Abraham zu tun und stammt auch nicht aus seiner Zeit. Zufällig hatte Joseph Smith kurz vorher Hebräischunterricht genommen. Und zufälligerweise lassen sich diverse Parallelen darauf zurückführen.

Letztlich erweisen sich Übersetzungsarbeiten Joseph Smiths, für die es nachprüfbare Belege gibt, als äußerst fraglich:
  • Buch Abraham (Teile der Papyrus-Rollen sind wieder aufgetaucht und wurden von Ägyptologen übersetzt; die Texte haben nichts mit dem Inhalt vom Buch Abraham zu tun und stammen auch nicht aus seiner Zeit; es gibt zwei Erklärungsversuche: (1) der übersetzte Teil befand sich nicht auf den wiedergefundenen Teilen oder (2) die Rollen dienten lediglich als Inspirationsquelle und das Buch Abraham wurde offenbart statt übersetzt; (1) macht keinen Sinn, da eines der Faksimiles wiedergefunden wurde und ebenso eine andere Bedeutung hat; (2) macht keinen Sinn, da wiederum die Faksimiles ja "übersetzt" wurden und Joseph im Manuskript die Bedeutung von einzelnen Hierogryphen beschrieben hat, also sich klar auf die Zeichen auf den Rollen bezogen hat)
  • Kinderhook Plates (obwohl um 1980 als Fälschungen bewiesen stammten sie laut Joseph Smith von einem Nachfahren des ägyptischen Pharaos aus dem Stamm Ham)
  • Anthon Manuskript
  • Joseph Smiths ägyptisches Alphabet
... und sein größtes Übersetzungswerk als höchstwahrscheinlich nicht altertümlich.

Bleibt nur die Frage, ob es reine Fantasie war oder göttlich inspirierte kreative Verarbeitung vorhandener Quellen und Ideen. Vieles spricht weniger für Inspiration als für Imagination mit Schriftstellen durchsetzt. Und ein wenig Schwindel war angesichts der nachträglich frisierten Geschichten wohl auch dabei.

Lehre und Bündnisse 132 Teil 1: Polygamie, Polyandrie, Vielehe



In der Einleitung zu LuB 132 heißt es:

„Offenbarung, gegeben durch Joseph Smith, den Propheten, zu Nauvoo, Illinois, aufgezeichnet am 12. Juli 1843; sie bezieht sich auf den neuen und immerwährenden Bund einschließlich der ewigen Natur des Ehebundes und auch einer Mehrzahl von Ehefrauen (History of the Church , 5:501–507). Obwohl die Offenbarung 1843 aufgezeichnet wurde, ergibt sich aus den geschichtlichen Aufzeichnungen, daß die in dieser Offenbarung enthaltenen Lehren und Grundsätze dem Propheten seit 1831 bekannt gewesen waren.“

Schon aus der Einleitung ergeben sich 3 kritische Aspekte:

Erstens: Handelte es sich wirklich um eine klassische „Offenbarung“? Wie ist Abschnitt 132 zustande gekommen? 1843 als Joseph Smith heimlich zig Frauen heiratete und Emma nicht begeistert darüber war (wobei sie nur von wenigen der Heiraten etwas mitbekam), schlug Hyrum seinem Bruder Joseph vor, für Emma hierzu eine Offenbarung durch den Urim und Thummim zu erlangen, um sie für den Grundsatz der Vielehe zu gewinnen. Joseph meinte aber, er bräuchte hierzu keine spezielle Offenbarung und hätte das schon alles parat. Daraufhin diktierte er seinem Schreiber (ohne Urim und Thummim) den in Abschnitt 132 enthaltenen Inhalt (wobei nach Aussage von William Law die theologische Einleitung später hinzugefügt wurde). Hiermit ging Hyrum dann zu Emma und sagte später über Emmas Reaktion, er sei noch nie von jemandem so zusammengestaucht worden wie von Emma.

Zweitens: Der Ausdruck „sie bezieht sich auf den neuen und immerwährenden Bund einschließlich der ewigen Natur des Ehebundes und auch einer Mehrzahl von Ehefrauen“ reflektiert die neuere Interpretation des Abschnitts, täuscht aber darüber hinweg, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts der neue und immerwährende Bund mit der Mehrehe gleichgesetzt war. Hätte man 1860 ein Mitglied gefragt, was der neue und immerwährende Bund sei, hätte dieses mit Sicherheit geantwortet: das Prinzip der Polygamie. Heute hingegen wird behauptet, die Verse 3-33 würden sich auf die ewige Ehe beziehen und nur die Verse 1-2 und ab Vers 34 mit der Mehrehe. Dies widerspricht dem ursprünglichen Verständnis und auch dem Beweggrund für die „Offenbarung“. Der Abschnitt wurde übrigens erst 1876 dem Buch Lehre und Bündnisse hinzugefügt, als die Kirche wegen der Vielehe unter Beschuss war, sich aber auf die Religionsfreiheit bei der Praxis berief. Nun gab es in den Schriften nichts, worauf die Kirche sich dabei stützen konnte. Also musste das Prinzip der Vielehe als Lehre in die Heiligen Schriften der Kirche reingebracht werden. Und im gleichen Atemzug wurde dann noch die Passage aus Abschnitt 101 herausgenommen, die da lautete: „Da die Kirche der Sünde der Unzucht und Polygamie beschuldigt worden ist, bestätige ich hiermit, dass ein Mann ein Frau haben sollte und eine Frau nur einen Mann, außer im Todesfall, wenn es beiden freisteht wieder zu heiraten." Dies war Teil der systematischen Leugnung der Polygamie in der Kirche unter Joseph Smith. Diese musste nun also „korrigiert“ werden, um sich auf die Religionsfreiheit berufen zu können.

Drittens: Was sind die Anhaltspunkte dafür, dass die enthaltenen Lehren und Grundsätze schon seit 1831 bekannt gewesen waren? Nun, zu dem Zeitpunkt hatten Emma und Oliver Cowdery Joseph in einer Scheune gesehen, wie er intim mit dem Hausmädchen der Smiths, Fanny Alger, war. Dies wird von einigen Kirchenhistorikern als erste Mehrehe Jospehs gesehen. Oliver Cowdery hingegen betrachtete dies als „dreckige Affäre“.

Den wenigsten Mitgliedern ist bewusst, dass Vers 1 in fundamentalem Widerspruch zum Buch Mormon steht (auch wenn das mosaische Gesetz im AT durchaus Nebenfrauen erlaubte):
Wahrlich, so spricht der Herr zu dir, mein Knecht Joseph: Da du von meiner Hand erfragt hast und wissen und verstehen willst, inwiefern ich, der Herr, meine Knechte Abraham, Isaak und Jakob gerechtfertigt habe, und auch Mose, David und Salomo, meine Knechte, was den Grundsatz und die Lehre betrifft, daß sie viele Frauen und Nebenfrauen gehabt haben—siehe, ja, siehe, ich bin der Herr, dein Gott, und werde dir, was diese Sache betrifft, Antwort geben.

So heißt es in Jakob 2:24:
Siehe, David und Salomo hatten wahrhaftig viele Frauen und Nebenfrauen, und das war ein Greuel vor mir, spricht der Herr.

Es war also ein Greuel vor dem Herrn und nicht etwa gerechtfertigt. Dies zeigt, dass Joseph Smith sich nach der Veröffentlichung des Buch Mormons kaum noch mit dessen Inhalt beschäftigt hat. So gibt es in seinen Reden kaum Zitate aus dem Buch Mormon.
In Jakob 2:30 findet sich bekanntlich auch folgende Ausnahmeregel:
Denn wenn ich, spricht der Herr der Heerscharen, mir Nachkommen erwecken will, so werde ich es meinem Volk gebieten; sonst aber soll es auf dies alles hören.

Allerdings traf diese nicht auf David und Salomo zu. Insofern ist die Aussage von LuB 132:1 im Widerspruch zu Jakob 2:24 unabhängig von Vers 30. Inwiefern die Ausnahmeregel von Vers 30 auf Joseph Smith zutreffen könnte ist strittig, schließlich hat er ja viele Frauen geheiratet, die schon verheiratet waren, und mit den anderen hat er wohl Nächte verbracht, aber keine Kinder gezeugt – zumindest waren Gentests mit möglichen Kandidaten bislang negativ. Insofern führten Joseph Smiths Mehrehen nicht dazu, dass Nachkommen erweckt wurden.

Übrigens hatten viele in der Kirche die Hoffnung, dass Joseph Smiths erstgeborener Sohn im Bund – David – später die Führung der Kirche übernehmen würde. Er hatte von seinem Vater entsprechende Verheißungen erhalten. Allerdings wurde er als Erwachsener in ein Irrenhaus eingeliefert und verbrachte dort den Rest seines Lebens.

Ein weiteres Problem findet sich in Vers 7. Hier wird klargestellt, dass nur Joseph Smith die Siegelungsvollmacht besitzt und auch immer nur einen geben wird, der diese Macht innehat. Mittlerweile hingegen gibt es in jedem Tempel etliche Männer, denen diese Macht übertragen wurde, auch wenn sie nicht die Schlüssel tragen (wobei auch diese mittlerweile nicht nur der Präsident, sondern auch die Zwölf Apostel besitzen sollen).

Das Beste ist jedoch Vers 8, wo es heißt:
Siehe, mein Haus ist ein Haus der Ordnung, spricht der Herr, Gott, und nicht ein Haus der Verwirrung.
In Bezug auf kein anderes Prinzip oder Lehre gibt es vermutlich so viel Konfusion wie die Vielehe. Die Kirche hat noch immer keine klare Stellung dazu bezogen, ob die Vielehe zu späterer Zeit oder im Himmel praktiziert werden wird. Oder ob die Vielehe wirklich vom Herrn geboten und korrekt praktiziert wurde. Es gibt nur die Aussage aus der Amtlichen Erklärung 1:
Da nun der Kongreß Gesetze erlassen hat, die die Vielehe verbieten, und da das höchste Appellationsgericht diese Gesetze als verfassungsgemäß bezeichnet hat, erkläre ich hiermit meine Absicht, mich diesen Gesetzen zu fügen und bei den Mitgliedern der Kirche, deren Präsident ich bin, meinen Einfluß geltend zu machen, daß sie es auch tun.

Vers 16 stellt in Frage, warum heutzutage Siegelungen für Verstorbene durchgeführt werden. Schließlich können laut Vers 16 Tote nicht verheiratet werden. So begannen Siegelungen für Verstorbene oder an Verstorbene auch erst nach Joseph Smiths Tod. Der Hammer ist die Aussage, dass Alleinstehende dann – obwohl fürs celestiale Reich qualifiziert – nur mehr dienende Knechte sein können. Da geht es denen im terrestrialen Reich vermutlich besser. Dies macht auch Joseph Smiths Verklärung des Mittelalters deutlich, denn er sah offensichtlich den Himmel als Zustand, wie sie Adlige im Mittelalter erlebt haben mit Thronen, Reichen und Mächten sowie eben Knechten. Gärtner, Koch und Wäschefrau wären schon toll, aber braucht man die wirklich als Götter, wenn man den Elementen befehlen kann. Oder kann man nur Berge verrücken? Wobei es ja nicht einmal Berge gibt, denn die Erde wird ja wie ein großer Urim und Thummim sein.

Im Ernst: bleiben sich liebende Paare wirklich wie in Vers 17 beschrieben gesondert, nur weil sie nicht im Tempel geheiratet haben? Eine merkwürdige Vorstellung eines liebenden Gottes.

Tröstlich ist hingegen Vers 19, wo es heißt, dass quasi alle, die im Tempel richtig gesiegelt werden, ins celestiale Reich kommen, solange sie keinen Mord begehen, wodurch unschuldiges Blut vergossen würde. Ein Mord mit schuldigem Blut ist also okay. Daher hatte ja vermutlich Joseph Smith auch Porter Rockwell beauftragen können, den Ex-Gouverneur von Missouri zu erledigen, was ihm auch beinahe gelungen war. Und die Greueltaten der von Joseph Smith befehligten ‚Danites‘ waren sowieso in Ordnung. Allerdings muss man nach Vers 26 schon mit einigen Schlägen Satans rechnen. Aber wie soll das genau funktionieren? Satan wird auf irgendeinen anderen Planeten wie dem Mars oder Jupiter verstoßen. Und alle bösen Gesiegelten kommen dann dorthin in eine Art Folterkeller, wo sie werden körperlich, also im Fleisch,  gepeinigt werden (wo doch die katholische Kirche 2007 offiziell die Vorhölle abgeschafft hat). Interessant, dass wir nach der Auferstehung trotz vollkommenem, unsterblichen Körper noch fleischliche Schmerzen erleiden können. Vielleicht werden die Nervenzellen nur vorübergehend aktiviert. Schlimmer noch als diese Ungereimtheiten ist die Vorstellung, dass Leiden eine erlösende Wirkung haben soll. Oder macht Gott das nur, weil ein universelles Gesetz besagt, dass man für Sünden leiden müsse? Oder weil sich sonst die Rechtschaffenen beschweren würden, wenn es keine Strafe für die Sünder gäbe? Dem Bestrafen als erzieherisches Mittel kann ich wenig abgewinnen. Letztlich sorgen noch so viele Schläge nicht dafür, dass Menschen dadurch gut und liebevoll werden. Höchstens dass sie aus Angst vor Strafe sich in bestimmter Weise verhalten. Dieser verkorksten Vorstellung entstammt auch die mittlerweile widerrufene Lehre Joseph Smiths und anschließend insbesondere Brigham Youngs der Blutsühne, wonach Abtrünnige Mitglieder nurmehr dadurch errettet werden können, wenn ihr Blut vergossen wird (denn das Sühnopfer Jesu Christi sei hierfür nicht mehr ausreichend), was die Ermordung mehrerer Abtrünniger, Feinde der Kirche und sogar mehrerer Mitglieder, die in Utah Ehebruch begangen hatten, nach sich zog.

Eine weitere Ausgeburt dieser Idee ist die Lehre etlicher Kirchenführer nach Brigham Young, dass die Kinder von im celestialen Reich gelandeten gesiegelten Paaren ebenfalls errettet werden, auch wenn diese abgefallen sind. Und natürlich müssen die abgefallenen Kinder für ihre Sünden eine zeitlang leiden - egal, welchen Sinn das erfüllen soll. Aber Strafe muss halt sein. Auch hier darf man diese Lehre nicht tiefer hinterfragen, beispielsweise ob das gerecht ist gegenüber den Kindern, die nicht das Glück hatten, glaubenstreue Mormonen-Eltern gehabt zu haben. Oder landen letztendlich doch alle Menschen im celestialen Reich? Das allerdings widerspricht wiederum Vers 22, wonach nur wenige den Weg zur Erhöhung und zur Fortsetzung der Leben finden.Wie Vers 19 erklärt ist das eine Fortsetzung der Samen. Also nur wer mit Partner gesiegelt erhöht wird, kann Geistkinder zeugen, und ist dann ein Gott:
Dann werden sie Götter sein, weil sie alle Macht haben und die Engel ihnen untertan sind. (Vers 20) Erhöhung heißt also, Kinder ohne Ende zeugen und Untertanen haben zu können. Das mit dem Götter werden wird nicht mehr ganz so betont, weil das doch viele Vorwürfe der Gotteslästerung und Anmaßung hervorgerufen hat. Demnach gibt es also viele Götter, aber wir verehren nur unseren jeweiligen 'Erzeuger-Gott'.

In Vers 29 findet sich dann eine weitere problematische Aussage: Abraham ist in seine Erhöhung eingegangen und sitzt auf seinem Thron. Hat denn das Gericht schon stattgefunden? Oder wurde für ihn ein Sondergericht abgehalten? Sollte das Gericht nicht erst nach dem Millenium erfolgen? Wobei das Millenium ja nach Aussage Brigham Youngs mit der Ermordung Joseph Smiths begonnen haben soll.




Lehre und Bündnisse 132 Teil 2: Polygamie, Polyandrie, Vielehe


Vers 34 ist eine Verdrehung der biblischen Aussage von Genesis:
Sarai, Abrams Frau, hatte ihm keine Kinder geboren. Sie hatte aber eine ägyptische Magd namens Hagar. Sarai sagte zu Abram: Der Herr hat mir Kinder versagt. Geh zu meiner Magd! Vielleicht komme ich durch sie zu einem Sohn. Abram hörte auf sie. (16:1-2)
Demgegenüber heißt es in Vers 34:
Gott gebot Abraham, und Sara gab Abraham die Hagar zur Frau. Und warum tat sie das? Weil es das Gesetz war; und aus Hagar entsprangen viele Völker. Darum war dies, unter anderem, die Erfüllung der Verheißungen.
Nach Genesis war es Sara, die auf die Idee kam, und nicht etwa ein göttliches Gebot oder Gesetz. Es war eher ein Mangel an Glauben an die göttliche Verheißung, die dazu führte, dass Sara durch ihre Magd an ein Kind kommen wollte. Und dies war damals durchaus nicht unüblich, aber kein Gesetz. Außerdem hat Abraham Hagar nach Genesis nicht zur Frau genommen, sondern lediglich geschwängert.

Auch die Aussage in Vers 39, Natan habe David die Nebenfrauen gegeben ist aus biblischer Sicht höchst zweifelhaft. Was uns die Bibel hingegen lehrt, ist, dass Mehrehen, Konkubinen und Nebenfrauen zu Streit, Konflikten und Leid führen. Und genauso war es unter Joseph Smith, wo Emma schrecklich litt. Und letztlich war es die Vielehe und in gewisser Hinsicht die Ursprungsfassung von LuB 132, die zu Josephs Ermordung führte. Denn diese wurde auch William Law, dem Ratgeber Joseph Smiths, gezeigt. Woraufhin er zu Joseph Smith ging, um zu klären, ob diese tatsächlich von ihm stamme. Daraufhin wollte er die geheimen polygamen Machenschaften mit Hilfe einer Zeitung ans Tageslicht bringen. Joseph ließ die Druckerpresse zerstören, wurde dafür verhaftet und dann im Gefängnis gelyncht. Auch in Utah hat die Vielehe unheimlich viel Probleme und Kummer verursacht: vereinsamte Frauen, gebrochene Frauenherzen, wenn die Männer sich jüngeren Frauen zuwandten und diese teilweise sogar im gleichen Haushalt lebten, Zwangskastrationen, weil lokale Kirchenführer bestimmte junge Frauen nicht bekamen usw. So riet Eliza Snow den Frauen, sie sollten ihre Zuneigung auf ihre Kinder und nicht ihre Männer richten, um mit der Mehrehe klarzukommen.

Außerdem verdeutlicht Vers 39, dass Joseph Smith Frauen als Ware gesehen hat. So werde David seine Frauen nicht ererben, denn sie werden einem anderen gegeben. Nach Vers 44 hat Joseph die Macht, Frauen zu nehmen und sie einem anderen zu geben. Dieses ‚gegeben‘ und ‚gehört‘ geht im ganzen Abschnitt so weiter. Frauen werden nicht als gleichberechtigte Partner, sondern als Gut und Besitztum gesehen.

Vers 35 und 36 drückt ein ebenso problembehaftetes Prinzip aus: Jedes auch noch so moralisch bedenkliches Verhalten ist gerechtfertigt, wenn von Gott geboten. So ist auch der Völkermord der Israeliten im AT in Ordnung.


Die wenigsten Mormonen kennen den Hintergrund von Vers 51, wo es heißt:
Wahrlich, ich sage dir: Ein Gebot gebe ich meiner Magd Emma Smith, deiner Frau, die ich dir gegeben habe, daß sie sich zurückhalte und nicht von dem nehme, was ich dir gebot, ihr anzutragen;
Emma sollte demnach doch nicht das annehmen, was Joseph ihr durch göttliches Gebot vorgeschlagen hatte. Joseph hatte ihr nämlich einen Partnertausch mit den Laws vorgeschlagen. Emma war nämlich einsam, da Joseph ja seine über 30 Frauen aufsuchte und so schlug Joseph ihr vor, sie könne ja William Law als zusätzlichen Mann bekommen. Dass Frauen mehrere Männer haben konnten, war unter Joseph Smith nicht unüblich. Rund ein Drittel seiner Frauen waren bereits verheiratet und die meisten von ihnen lebten auch weiterhin mit ihren ersten Ehemännern zusammen. So wurde beispielsweise Orson Hydes Frau Nancy während dieser auf Mission in Palästina war zunächst Williard Richards als weiteren Ehemann gegeben. Da diese Beziehung jedoch nicht gut verlief, wurde sie schließlich an Joseph Smith gesiegelt. Oder die 3. Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung, Zina Diantha Huntington (Jacobs) (Smith) (Young), die im März 1841 mit 20 Jahren Henry Jacobs heiratete und dann im Oktober Joseph Smith. 1846 heiratete sie schließlich Brigham Young, der Henry auf Mission nach England geschickt hatte und bei seiner Rückkehr erfahren musste, dass sie nun bei Brigham lebte und mit ihm ein Kind gezeugt hatte. 

Es gab also fröhliches Hin- und Hergeheirate. Und sollte einer Frau dies nicht gefallen, dann wird sie gemäß Vers 54 und 64 vernichtet - was auch immer das in Sachen Herrlichkeiten heißt. Der Mann kann auf jeden Fall tun, was er will. Er sollte seine Frau eigentlich fragen. Sollte sie aber nicht zustimmen, kann er trotzdem fröhlich andere Jungfrauen ehelichen. Beides hat Joseph wenig gekümmert, denn er hat zum einen seine erste Frau Emma nur in wenigen Fällen gefragt und zum anderen eher ein Faible für entjungferte bereits verheiratete Frauen gehabt, wobei er auch 14-Jährige geheiratet hat.

Alles in allem klingt der Abschnitt schon sehr stark nach Drohung von Joseph Smith an Emma gerichtet und nicht gerade nach Erklärung eines liebevollen Gottes und Heilung für Emmas gebrochenes Herz. Die Begründung ist außerdem mehr als fadenscheinig: nur weil Abraham im AT lange Zeit keine Kinder mit seiner Frau zeugen konnte und es damals Sitte war, dass Dienerinnen auch mal Leihmutter spielen mussten, soll das als Teil der Wiederherstellung auch für Joseph Smith vonnöten sein. Sehr verwirrend und widersprüchlich.

Kognitive Dissonanz

Warum die meisten Mitglieder vor den widersprüchlichen Aspekten der Kirche Angst haben und sie unter den Teppich kehren, ignorieren oder tabuisieren: Die Antwort lautet kognitive Dissonanz.

Kognitive Dissonanz ist ein negativer Gefühlszustand, den wir verspüren, wenn wir nicht vereinbare Gedanken, Meinungen, Wünsche oder Absichten haben.
Zunächst einmal fühlen wir Verunsicherung und Angst. Um diese zu reduzieren, setzen wir unterschiedliche Strategien ein. Wir geben z.B. der Information den Vorrang, die unsere Entscheidung als richtig erscheinen lässt, und versuchen die andere Information auszublenden oder abzuwerten.

Wenn Menschen zwischen verschiedenen erstrebenswerten Optionen zu wählen haben, lässt sich auch im Alltag beobachten, dass sie die positiven Aspekte einer einmal getroffenen Entscheidung stärker hervorheben, während sie sich negativen Argumenten ganz verschließen.

„Ich weigere mich, zu glauben, dass die Kirche unwahr sein könnte!“ Menschen weigern sich ihren Glauben zu ändern, auch wenn die Tatsachen durch unzählige Fakten belegbar sind. All das, was dem Leben ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verliehen hatte, soll plötzlich nichts als Lug und Trug sein? Das kann nicht sein, das darf nicht sein, „ich will nicht“, dass es so ist!

Ablehnung ist die primitivste Form der Verteidigung. Es ist wie mit einem Computer, der bei Überlastung einfach abschaltet. Wird dieses Wertgefühl, mit dem wir aufgewachsen sind, mit dem wir bis jetzt gelebt haben, herausgefordert, so scheint es den Mechanismen in unseren Gehirnen einfacher, dieses eine Detail, auch wenn es uns schwarz auf weiß vor die Nase gehalten wird, zu ignorieren als unser gesamtes Weltbild neu zu gestalten.

Es gibt angeblich drei Gruppen von Menschen. Die erste ist „empirisch orientiert“ oder „empirical people“. Von ihnen werden die Fakten studiert, gegeneinander abgewogen, und darauf basierend entsteht die Meinung.

Dann gibt es die so genannten „Paradigmatiker“. In diesem Fall ist eine Grundeinstellung, ein Paradigma, vorgegeben. So funktioniert die Welt. Und was in dieses Bild nicht passt, wird abgelehnt.

Der dritten Gruppe gehören die meisten Menschen an. Sie sind Wunschdenker; oder besser: Wunsch- und Angstdenker. Von ihnen wird praktisch alles zurückgewiesen, was Furcht und ein Gefühl der Unsicherheit hervorrufen könnte.

Es gibt eine alte Redewendung: Wenn dir die Botschaft nicht gefällt, dann töte den Überbringer.

Wenn eine bestimmte Information, auch wenn sie belegbar ist, nicht in ein vorgegebenes Konzept passt, dann wird sie zurückgewiesen.

Die Frage, ob die Zweifel an einer Auffassung berechtigt sein könnten, wird erst gar nicht gestellt. Fakten werden nicht eingesehen. Worten wird kein Gehör geschenkt. Aussagen werden - auch wenn es noch so schwierig ist - nach Belieben umgedeutet. Und nachdem ohnehin der größte Teil der Herde dem Hirten folgt, dann wird es sich dabei wohl um die beste Entscheidung handeln. Wer möchte schon als Außenseiter gelten? Wer möchte wie ein Außenseiter denken? Da schalten wir doch lieber unsere rationale Denkfähigkeit ab.

Satan und vorirdisches Dasein


Im Gegensatz zur Vorstellung Vieler wird die Schlange im Garten Eden im AT nicht mit Satan gleichgesetzt. Hier heißt es nur:


Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. (Genesis 3:1)


Erst im NT wird die Verbindung zwischen der Schlange und Satan hergestellt:

Ich fürchte aber, wie die Schlange einst durch ihre Falschheit Eva täuschte, könntet auch ihr in euren Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe an Christus abkommen. (2. Korinther 11:3)

Stellen im AT wie Jesaja 27:1 beziehen sich nicht auf die Schlange im Garten Eden, sondern das babylonische Seeungeheuer Leviatan als Sinnbild für das vor der Schöpfung herrschende Chaos bzw. den heidnischen Meeresgott der Nachbarvölker Israels.

An jenem Tag bestraft der Herr mit seinem harten, großen, starken Schwert den Leviatan, die schnelle Schlange, den Leviatan, die gewundene Schlange. Den Drachen im Meer wird er töten. (Jesaja 27:1)

Mit deiner Macht hast du das Meer zerspalten, die Häupter der Drachen über den Wassern zerschmettert. Du hast die Köpfe des Leviatan zermalmt, ihn zum Fraß gegeben den Ungeheuern der See. (Jesaja 74:13,14)

Im AT gibt es keinen Satan oder Teufel, der in Auflehnung zu Gott handelt und die Menschen verführt. Stattdessen ist Satan keine Person, sondern ein Amt im Rat Gottes. Denn laut AT kommt sowohl alles Gute als auch alles Böse von Gott. Satan kann man in gewisser Hinsicht mit der Aufgabe des Staatsanwalts bei Gericht vergleichen, außer dass er auch noch zum Verbrechen verführt und für Verbrechen bestraft.

Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn. (Hiob 1:21)
Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen? (Hiob 2:10)
Der Herr entgegnete ihm: Wer hat dem Menschen den Mund gegeben und wer macht taub oder stumm, sehend oder blind? Doch wohl ich, der Herr! (Exodus 4:11)
Ich aber will das Herz des Pharao verhärten und dann werde ich meine Zeichen und Wunder in Ägypten häufen. (Exodus 7:3)
Er wandelte ihren Sinn zum Hass gegen sein Volk, sodass sie an seinen Knechten tückisch handelten. (Psalm 105:25)
Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt. (Jesaja 45:7)
Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht mehr fürchten? (Jesaja 63:17)
Der Geist des Herrn war von Saul gewichen; jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam. (1. Sam. 16:14)

So gehört Satan zu den Gottessöhnen im Himmel:

Nun geschah es eines Tages, da kamen die Gottessöhne, um vor den Herrn hinzutreten; unter ihnen kam auch der Satan. (Hiob 1:6)

Dass die Mitglieder im Rat Gottes auch die Aufgabe haben,  für Versuchung zu sorgen, wird besonders hier deutlich:
Micha aber fuhr fort: Darum - höre das Wort des Herrn: Ich sah den Herrn auf seinem Thron sitzen; das ganze Heer des Himmels stand zu seiner Rechten und seiner Linken. Und der Herr fragte: Wer will Ahab betören, sodass er nach Ramot-Gilead hinaufzieht und dort fällt? Da hatte der eine diesen, der andere jenen Vorschlag. Zuletzt trat der Geist vor, stellte sich vor den Herrn und sagte: Ich werde ihn betören. Der Herr fragte ihn: Auf welche Weise? Er gab zur Antwort: Ich werde mich aufmachen und zu einem Lügengeist im Mund all seiner Propheten werden. Da sagte der Herr: Du wirst ihn betören; du vermagst es. Geh und tu es! So hat der Herr jetzt einen Geist der Lüge in den Mund all deiner Propheten gelegt; denn er hat über dich Unheil beschlossen. (1. Könige 22:19-23)

Im Vater-Unser findet sich ein Nachklang dieser Vorstellung mit: Und führe uns nicht in Versuchung.
J
esaja 14:12-15 wird fälschlicherweise Satan zugeschrieben:
Ach, du bist vom Himmel gefallen, du strahlender Sohn der Morgenröte. Zu Boden bist du geschmettert, du Bezwinger der Völker. Du aber hattest in deinem Herzen gedacht: Ich ersteige den Himmel; dort oben stelle ich meinen Thron auf, über den Sternen Gottes; auf den Berg der (Götter-) versammlung setze ich mich, im äußersten Norden. Ich steige weit über die Wolken hinauf, um dem Höchsten zu gleichen. Doch in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen, in die äußerste Tiefe.

Wie Vers 20 jedoch deutlich macht, wird hier nicht über den Teufel gesprochen, sondern über den König von Babylon, der wie im Orient üblich mit Gott verglichen wird:
Du hast dein eigenes Land zugrunde gerichtet, hingemordet dein eigenes Volk; darum soll man die Namen der Nachkommen dieses Verbrechers niemals mehr nennen.

Erst im NT wird Satan als gegen Gott handelndes Wesen dargestellt, wie es in den Versuchungen Jesu deutlich wird (Matth. 4:1-11). Woher der Wandel? Man geht davon aus, dass die persischen Dämonen-Vorstellungen einen Einfluss auf die jüdischen Vorstellungen gehabt haben. Nach Christi musste man nun die Vorstellungen des AT mit dem NT verbinden. Dazu finden wir im Lukasevangelium einen ersten Hinweis:
Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. (Lukas 10:18)

Am deutlichsten wird es in Offenbarung 12. Hier wird Satan sowohl mit der Schlange aus Genesis als auch dem babylonischen Drachen gleichgesetzt:
Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen. (Offenb. 12:9)

In der Bibel wird Satans Vertreibung nicht im Zusammenhang mit Geschehnissen vor der Grundlegung der Welt beschrieben. Unklar bleibt, wann genau der Kampf stattgefunden haben soll. Die meisten Interpretationen gehen davon aus, dass Satan zunächst die im AT beschriebene göttliche Aufgabe des Anklägers ausübte, dann irgendwann übermütig wurde und schließlich aus dem Himmel vertrieben wurde.
Offenbarung erklärt somit, warum nach Gottes Sieg am Kreuz nach wie vor Sünde und Verfolgung der Gläubigen existieren. Der Autor von Offenbarung ging jedoch davon aus, dass der endgültige Sieg über Satan unmittelbar bevorstand. Aus heutiger Sicht ist es somit nicht verständlich, warum Gott das Treiben Satans auf der Welt nach seiner Vertreibung und die von ihm kontrollierte Versuchung in seinem Sinne im AT nun als Krieg gegen ihn duldet.
Andere Theologen sehen alle Berichte über Satan in der Bibel als bildlich, als Versuch, das Böse im Menschen zu erklären. Denn so muss man den Menschen nur zum Teil für seine niederen Taten verantwortlich machen.
Buch Mormon und Lehre Bündnisse bestätigen den Fall Satans bzw. dessen Vertreibung aus dem Himmel. Für die AT-Zeit jedoch untypisch haben die Akteure im BM von Anfang an eine nachchristliche Vorstellung von Satan.
Und ich, Lehi, muß nach dem, was ich gelesen habe, notwendigerweise annehmen, daß ein Engel Gottes, nach dem, was geschrieben steht, vom Himmel gefallen war; darum ist er ein Teufel geworden, denn er hatte nach dem getrachtet, was böse ist vor Gott.  (2. Nephi 2:17)

Und der auch zu Joseph Smiths Zeiten bekannten Lehre vom rein bildlichen Verständnis des Teufels wird im BM eine klare Absage erteilt. Darüber hinaus muss Laut 2. Nephi 2:18 der Fall Satans vor Grundlegung der Welt stattgefunden haben, da er mit der Schlange aus dem Garten Eden gleichgesetzt wird.

In LuB wird die Lehre aus dem BM zunächst bestätigt:
Der Teufel versuchte Adam, und dieser aß von der verbotenen Frucht und übertrat das Gebot, wodurch er dem Willen des Teufels untertan wurde, weil er der Versuchung nachgab. (LuB 29:40)
Und dies haben wir auch gesehen und geben Zeugnis, daß ein Engel Gottes, der in der Gegenwart Gottes Vollmacht hatte, der sich auflehnte gegen den Einziggezeugten Sohn, den der Vater liebte und der am Herzen des Vaters war, aus der Gegenwart Gottes und des Sohnes hinabgeworfen wurde  und Verderben genannt wurde, denn die Himmel weinten über ihn—er war Luzifer, ein Sohn des Morgens. (LuB 76:25-26)

Und so kommen wir zum vorirdischen Dasein:

Im AT finden wir keine klaren Hinweise auf einen Geist oder Seele, die getrennt vom Körper des Menschen existiert.

Genesis 2:7 spricht nur davon, dass durch den Lebensatem der Mensch zu einem lebendigen Wesen wurde.
Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder in euer Land. (Hesekiel 37:14)

Schriftstellen wie diese könnten jedoch so gedeutet werden:
Jedoch, es ist der Geist im Menschen, des Allmächtigen Hauch, der ihn verständig macht. (Hiob 32:8)
… der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat. (Kohelet 12:7)

Auch im NT wird nicht klar, was genau der Geist oder die Seele des Menschen ist.
Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; (Heb. 4:12)
Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt. (1. Thess. 5:23)

Genauso wenig spricht es im AT oder NT von einer realen Existenz des Menschen vor seiner Geburt. So kann diese Aussage genauso als Bestätigung des Vorherwissens Gottes verstanden werden:
Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jeremia 1:5)

Die Frage in Hiob Wo warst du, als ich die Erde gegründet? (Hiob 38:7) stellt eher in Frage, dass Hiob bei der Erschaffung der Erde dabei war. Und es ist wohl so, dass Hiob nicht zu den jubelnden Gottessöhnen gehörte. Vielmehr wurde darunter der Rat der Götter bzw. Engel verstanden.

Im NT wird häufig die Aussage anlässlich der Heilung eines von Geburt an Blinden als Bestätigung des Glaubens an ein vorirdisches Dasein verstanden.
Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? (Johannes 9:2)

Erstens lässt sich aus der Antwort Jesu keine Bestätigung erkennen. Zweitens bezieht sich die Aussage wahrscheinlich auf den rabbinischen Glauben an die Möglichkeit zur Sünde im Bauch der Mutter oder die verbreitete Vorstellung von der Möglichkeit der Wiedergeburt:
Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. (Matth. 16:14)

Auch im BM finden sich keine klaren Hinweise auf ein vorirdisches Dasein, wohl aber die Vorstellung von einer vom Körper getrennt existierenden Seele.

Einzig Alma 13:3 könnte als Hinweis auf ein vorirdisches Dasein gesehen werden. Aus Alma 13:3 geht jedoch nicht klar hervor, ob sich die beschriebene Rechtschaffenheit auf ein Handeln im vorirdischen Dasein oder Gottes Vorherwissen der Rechtschaffenheit auf Erden bezieht.
Und dies ist die Weise, nach der sie ordiniert wurden—sie waren von Grundlegung der Welt an gemäß dem Vorherwissen Gottes und aufgrund ihres außerordentlichen Glaubens und ihrer guten Werke berufen und vorbereitet; zuallererst war es ihnen überlassen, Gut oder Böse zu wählen; weil sie nun das Gute erwählt und überaus großen Glauben ausgeübt haben, sind sie durch eine heilige Berufung berufen, ja, durch jene heilige Berufung, die zusammen mit einer vorbereitenden Erlösung und gemäß derselben für so jemand bereitet worden ist.

Weiterhin finden sich erste Hinweise in der Bibelübersetzung Joseph Smiths des Schöpfungsberichts, in Mose 3:5:
und jede Pflanze des Feldes, bevor sie auf Erden war, und jedes Kraut des Feldes, bevor es wuchs. Denn ich, der Herr, Gott, erschuf alles, wovon ich gesprochen habe, geistig, ehe es natürlich auf dem Antlitz der Erde war. Denn ich, der Herr, Gott, hatte noch nicht regnen lassen auf dem Antlitz der Erde. Und ich, der Herr, Gott, hatte alle Menschenkinder erschaffen und doch noch keinen Menschen, der die Erde bebaute, denn im Himmel erschuf ich sie, und noch war kein Fleisch auf der Erde, auch nicht im Wasser, auch nicht in der Luft;

Es spricht von einer geistigen Schöpfung im Himmel. Es bleibt unklar, was genau darunter zu verstehen ist. Ist darunter die Planung zu verstehen oder die Kreation von Geistkörpern und Geistpflanzen? Es wird allerdings nicht davon gesprochen, dass etwa die geistige Schöpfung der Tiere anders verlaufen wäre als der Menschen. Auch gemäß LuB 77:2 ist es so, dass nicht nur die Menschen Geister besitzen, sondern alle Lebewesen – also auch alle Mücken, Fliegen und Spinnen.  
der Geist des Menschen gleicht seiner körperlichen Gestalt und ebenso der Geist der Tiere und eines jeden anderen Geschöpfs, das Gott geschaffen hat.

Waren die dann auch im vorirdischen Dasein bei Gott? Und begegnen wir den Abermilliarden an Insekten etwa wieder in der Auferstehung?

1833 fügt Joseph Smith diesen Lehren die Vorstellung aus dem Freimaurertum von Intelligenz und Licht hinzu sowie die Andeutung, dass es etwas vom Menschen gibt, was nicht erschaffen wurde, sondern ewig existiert:
Der Mensch war auch im Anfang bei Gott. Intelligenz oder das Licht der Wahrheit wurde nicht erschaffen oder gemacht und kann es auch gar nicht. (LuB 93:29)

Zunächst einmal erscheint es als ein Widerspruch zu dem, was Joseph Smith vorher gelehrt hatte, nämlich:
Denn durch die Macht meines Geistes habe ich es erschaffen; ja, alles, Geistiges und auch Zeitliches (LuB 29:31)
und damit sie sich mit dem Maß an Menschen fülle, gemäß seiner Erschaffung, ehe die Welt gemacht wurde. (LuB 49:17)

Auch mit der offenbarten „Übersetzung“ der Pergamente von den Mumien in Nauvoo in Form des Buch Abrahams wird beschrieben, dass der Mensch etwas Ewiges beinhaltet:
[Die Geister] haben zuvor existiert, sie werden kein Ende haben, sie werden hernach existieren, denn sie sind n-olam oder ewig. (Abr. 3:18)

Die Erschaffung muss dann also die beschriebene Formung sein:
Nun hatte der Herr mir, Abraham, die Intelligenzen gezeigt, die geformt wurden, ehe die Welt war; (Abr. 3:22)

Im Englischen spricht es von ‚organization‘, also Organisation statt Formung. So sprach Joseph Smith davon, dass eine Organisation durch die Ordnung des Priestertums stattfand.

Erst nach Joseph Smiths Tod entwickelte sich die Lehre von der geistigen Geburt des Menschen, nämlich Gott habe aus den ewig existierenden Intelligenzen Geistkinder geschaffen. Joseph Smith hingegen hat gelehrt, dass der Geist der Menschen von ewiger Natur ist:
Der Geist des Menschen ist kein geschaffenes Wesen. Es existierte von Ewigkeit und wird bis in alle Ewigkeit existieren. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 9)
Ich glaube, dass die Seele ewig ist und keinen Anfang besitzt. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 33)
Wenn die Seele des Menschen einen Anfang hätte, hätte sie sicher auch ein Ende. […] Geister sind ewig. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 60)
Der Geist oder die Intelligenz der Menschen sind selbst existierende Prinzipien. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 68)

Joseph Smith hat ‚Geister‘, ‚Seele‘ und ‚Intelligenz‘ wechselnd verwendet, aber klar als ewig existierend erklärt. Die Formung bzw. Organisation bestand in einer Ordnung der Seelen:
Er, der in den Himmeln regiert, wenn er ein bestimmtes Werk zu tun hat, ruft die Geister zu ihm, um sie zu organisieren. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 207)

Wurden Geister nun geschaffen? Wurden sie geboren? Oder existierten sie von aller Ewigkeit an? Gibt es einen Unterschied zwischen Intelligenz und Geistelement? Fragen über Fragen. Die Lehre von der Geistgeburt entstand vermutlich auf Basis von LuB 132:19, wo die Erhöhung als eine Fülle und eine Fortsetzung der Samens bezeichnet wird, was als Möglichkeit interpretiert wird, Geistkinder zu erschaffen.
Auf jeden Fall muss man feststellen, dass es sehr schwer fällt, die verschiedenen Lehren aus den einzelnen Heiligen Schriften in Einklang zu bringen. Und es ist auch eine Mär, dass die Lehre Joseph Smiths für Klarheit gesorgt hätte. Die vereinfachte heutige Lehre verdanken wir eher Leuten wie Parley P. Pratt und Bruce R. McConkie.

Bleibt noch der Rat und Krieg im Himmel:

Wie bereits dargestellt gibt es im AT keinen Hinweis auf einen Gott feindlich gesinnten Satan. Hinweise auf eine Auseinandersetzung im Himmel beziehen sich auf heidnische Vorstellungen von kämpfenden Drachen während der Schöpfung (siehe bspw. Jesaja 51:9). Darüber hinaus gibt es die Legende von Engeln, die entgegen dem Willen Gottes auf die Erde kamen und sich Frauen nahmen. Dies wird in Genesis 6 beschrieben und als eine der Ursachen für die Notwendigkeit der Flut angeführt, denn diese hätten üble Riesen als Kinder zur Welt gebracht. Hierauf bezieht sich Judas 1:6:
Die Engel, die ihren hohen Rang missachtet und ihren Wohnsitz verlassen haben, hat er mit ewigen Fesseln in der Finsternis eingeschlossen, um sie am großen Tag zu richten.

Möglicherweise entstammt dieser Schriftstelle die LDS-Lehre vom ersten Stand (in der King James Bibel heißt es ‚ersten Stand‘ statt ‚hohen Rang‘), wie sie dann in Abr. 3:26 zum Ausdruck kommt. Wie dem auch sei, nach jüdischem Glauben wurden diese rebellischen Engel an einen besonderen Ort unter der Erde verbannt. Und dies wird im NT aufgegriffen als den Ort, den Jesus während seiner Zeit im Grab besucht haben soll.

Joseph Smith hat in Mose 8:13-15 die Geschichte umgedreht. So sollen gläubige Frauen ungläubige Männer geheiratet haben. Später hat Joseph Smith diese Interpretation jedoch wieder revidiert:
Die Geschichte von Josephus, in der er von Engeln spricht, die herunter kamen und sich von den Töchtern der Menschen Frauen nahmen […] dies waren auferstandene Wesen, die die celestialen Gesetze brachen. (George Laub´s Nauvoo Journal, S. 174)

Die Verbannung dieser rebellischen Engel hat nichts mit einem Krieg im Himmel zu tun. Der einzige Verweis in der gesamten Bibel auf einen Konflikt im Himmel findet sich in Offenbarung 12. Aus Offenbarung wird nicht deutlich, wann der Konflikt stattfand. Bibelforscher sehen darin einen Ausdruck der Zuspitzung zwischen den Guten und Schlechten Kräften kurz vor dem Millenium, wie sie in der Verfolgung der frühen christlichen Kirche gesehen wurde.

Im Buch Mormon findet sich nur der Hinweis in 2. Nephi 2:17 auf den Fall Satans. Und auch in der Köstlichen Perle wird nirgendwo von einem Krieg im Himmel gesprochen. Einzig dass Satan und seine Anhänger sich aus dem Himmel verabschiedeten:
Und der zweite wurde zornig und bewahrte sich seinen ersten Stand nicht, und an jenem Tag folgten ihm viele nach. (Abr. 3:28)

In LuB heißt es erst nur, dass Satan Krieg auf der Erde führt:
Und während wir noch im Geist waren, gebot uns der Herr, die Vision niederzuschreiben; denn wir erblickten den Satan, jene alte Schlange, nämlich den Teufel, der sich gegen Gott auflehnte und danach trachtete, das Reich unseres Gottes und seines Christus an sich zu nehmen— darum führt er Krieg mit den Heiligen Gottes und schließt sie ringsum ein. (LuB 76:28-29)

Laut LuB 88 (als Joseph Smith sich mit Offenbarung 12 beschäftigte) findet der Krieg zwischen den Heeren Michaels und Satans nach dem Millenium statt:
Und der Teufel wird seine Heere sammeln, nämlich die Scharen der Hölle, und wird zum Kampf gegen Michael und seine Heere heranrücken.  Und dann kommt die Schlacht des großen Gottes; und der Teufel und seine Heere werden an ihren eigenen Ort geworfen werden, so daß sie über die Heiligen nimmermehr irgendwelche Macht haben werden. (LuB 88:113-114)

Die Mär vom Krieg im Himmel hat somit keinerlei Fundament in den Heiligen Schriften oder Lehren Joseph Smiths. Sie entstammt einzig Orson Pratts Interpretation von Offenbarung 12, die er 1853 gab. Daraus entwickelten sich verschiedenste Vorstellungen dieses angeblichen Kriegs bis hin zur Lehre, die Schwarzen wären während dieses Krieges nicht tapfer genug gewesen und deshalb wurde ihnen das Priestertum vorenthalten. Noch heute gibt es viele Mitglieder, denen in ihren patriarchalischen Segen von einer besonderen Rolle in jenem vorirdischen Krieg berichtet wird – alles auf Basis von Kirchenlegenden.
Eine weitere Kirchenlegende ist die, dass Satan in jenem vorirdischen Rat die Entscheidungsfreiheit wegnehmen und uns alle zu gutem Handeln zwingen wollte.  Mose 4:1 spricht aber nur davon, dass er alle Menschen – egal, was sie tun würden – erlösen wollte:
Und ich, der Herr, Gott, sprach zu Mose, nämlich: Jener Satan, dem du im Namen meines Einziggezeugten geboten hast, ist derselbe, der von Anfang an gewesen ist; und er trat vor mich und sprach: Siehe, hier bin ich, sende mich; ich will dein Sohn sein, und ich will die ganze Menschheit erlösen, daß auch nicht eine Seele verlorengeht, und gewiß werde ich es tun; darum gib mir deine Ehre.

Joseph Smith hat gelehrt, dass Satan damit prahlte indem er sagte: Sende mich, ich kann alle erretten, selbst diejenigen, die gegen den Heiligen Geist sündigen. (George Laub´s Nauvoo Journal, S. 171)

Auch Orson Pratt lehrte:
Die Entscheidungsfreiheit wurde allen intelligenten Wesen gegeben. Und Satan versuchte dies zu zerstören und alle in ihren Sünden zu erretten.

Also nichts von Zwang. Die große Frage bleibt jedoch, wenn es Satan gibt, warum er nicht das nahe liegende tut, um den Plan Gottes zu vereiteln, nämlich nichts.

Fazit:

So klar und einfach ist die Lehre vom Plan Gottes mit vorirdischen Dasein usw. ganz und gar nicht. Viele der heutigen Lehren stehen im Widerspruch zu biblischen Aussagen oder lassen sich kaum darin wiederfinden. Und das Buch Mormon als Buch mit der Fülle des Evangeliums bringt wenig zusätzliche Erleuchtung.

Ursprung der Tempelarbeit

Was als einfache und schöne Lehre der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage / der Mormonen vermittelt wird, offenbart sich bei näherer Betrachtung als sehr widersprüchlich. Das Zustandekommen der heutigen Praxis ist zudem sehr verstörend. Hier eine Zusammenfassung der kritischen Punkte (nicht unbedingt in geordneter Reihenfolge):


1. In den Tempeln im AT gab es keine heilige Handlungen für Verstorbene

Da Christus die Arbeit für Verstorbene erst nach seinem irdischen Tod eingeleidet haben soll, zunächst nicht verwunderlich.

2. Hinweise im AT auf zukünftige heilige Handlungen für Verstorbene sind fragwürdig

Die angeblichen Profezeiungen im AT im Hinblick auf die spätere Arbeit für Verstorbene und die Verkündigung des Evangeliums in der Geisterwelt sind bei näherer Betrachtung kaum darauf zu beziehen.

Jesaja 61:1
Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung…
Wie Vers 4 deutlich macht, geht es um die politische Gefangenschaft der damaligen Zeit und nicht um den Zustand nach dem Tod. Im NT wird der Schriftstelle auch ein Bezug zur geistigen Gefangenschaft zugewiesen. Nach Lukas 4:21 hat sich dies jedoch bereits durch das Wirken Jesu erfüllt.

Obadja 1:21
Befreier ziehen auf den Berg Zion, um Gericht zu halten über das Bergland von Esau. Und der Herr wird herrschen als König.
In der Regel wird nur der erste Teil zitiert, nicht aber der zweite Teil, wo es von Gericht spricht – also nichts mit Erlösung von Toten.

Maleachi 3:23-24
Bevor aber der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare Tag, seht, da sende ich zu euch den Propheten Elija. Er wird das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwenden und das Herz der Söhne ihren Vätern, damit ich nicht kommen und das Land dem Untergang weihen muss.
Unter ‚Vätern‘ verstanden die Juden Abraham, Isaak und Jakob. Insofern handelt der Vers davon, dass durch Elija der Bund Gottes wieder aufgerichtet wird. Dieses hat sich mit der Mission Johannes des Täufers erfüllt, wie Lukas berichtet:
Er wird mit dem Geist und mit der Kraft des Elija dem Herrn vorangehen, um das Herz der Väter wieder den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Gerechtigkeit zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen. (Lukas 1:17)

Bis 1842 gab es keine Verbindung zwischen Elija und Arbeit für Verstorbene. So geht es auch hier primär um verbesserte Beziehungen und Rückbesinnung auf den Bund Israels:
Darum entsagt dem Krieg und verkündigt Frieden, und trachtet eifrig danach, das Herz der Kinder ihren Vätern zuzuwenden und das Herz der Väter den Kindern, und weiter, das Herz der Juden den Propheten und der Propheten den Juden, damit ich nicht komme und die ganze Erde mit einem Fluch schlage und alles Fleisch verzehrt werde vor mir. (LuB 10:67-68)

3. Im NT wird nicht von einem Zustand zwischen Tod und Auferstehung als Geisterwelt gesprochen

Stattdessen spricht es in Schriftstellen, die vom Zustand nach dem Tod und vor der Auferstehung handeln, nur von Schlaf. Was auch immer genau darunter zu verstehen ist.
Das Gleichnis von Lazarus in Lukas 16 ist ein Gleichnis und nicht als Erklärung des Zustands zwischen Tod und Auferstehung zu verstehen.

Lukas 23:43
Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
Gemäß 2. Korinther 12:4 ist das Paradies der Ort der Rechtschaffenen nach der Auferstehung und nicht ein Übergangsort.

4. Im NT wird nicht vom Belehren aller Geister in der Geisterwelt gesprochen

Joh. 5:28-29
Wundert euch nicht darüber! Die Stunde kommt, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und herauskommen werden: Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, zum Gericht.
Sie werden seine Stimme hören und auferstehen. Vom Predigen des Evangeliums spricht dies nicht.

1. Petrus 3:18-19
Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht. So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.
‚Dem Geist nach lebendig gemacht‘ heißt nach Römer 8:11 ‚auferstanden‘. Also steht hier nicht, dass Jesus zwischen seinem Tod, sondern vielmehr, dass er nach seiner Auferstehung den Gefangenen gepredigt hat. Und das griechische Wort, welches hier als ‚gepredigt‘ übersetzt wird, ist nicht das, was sonst für ‚Belehren‘ verwendet wird. Es ist eher als ‚bekannt machen‘ oder ‚verkünden‘ zu verstehen.
Nach Genesis 6 waren gefallene Engel für die Flut verantwortlich. Nach jüdischem Glauben wurden sie deshalb in spezieller Gefangenschaft gehalten. Siehe auch Mose 7:36-39. Im Gefängnis waren daher ausschließlich die rebellischen Söhne Gottes aus Noachs Zeit. Von einem allgemeinen Belehren des Evangeliums allen Verstorbenen gegenüber kann also keine Rede sein.

1. Petrus 4:6
Denn auch Toten ist das Evangelium dazu verkündet worden, dass sie wie Menschen gerichtet werden im Fleisch, aber wie Gott das Leben haben im Geist.
Es steht nicht, dass ihnen als Tote das Evangelium gepredigt wurde. Es können auch diejenigen sein, die ‚jetzt‘ tot sind.

5. Im Buch Mormon und Köstliche Perle wird nicht von einem Übergang in der Geisterwelt gesprochen

Alma 40:14
Nun ist dies der Zustand der Seele der Schlechten, ja, in Finsternis und einem Zustand furchtbarer, fürchterlicher Erwartung des feurigen Unwillens göttlichen Grimms über sie; und so verbleiben sie in diesem Zustand, wie auch die Rechtschaffenen im Paradies, bis zur Zeit ihrer Auferstehung.
Übrigens gibt es große Übereinstimmung zwischen Alma 40 und der 1742 veröffentlichten ‚Philadelphia Confession of Faith‘:
Die Körper der Menschen werden nach dem Tod wieder zu Staub und begegnen dem Verfall, aber ihre Seelen, die weder sterben noch schlafen, mit einem unsterblichen Dasein versehen, kehren unmittelbar zu Gott zurück, der sie ihnen gab. Die Seelen der Gerechten werden dann vollendet in der Heiligkeit ins Paradies aufgenommen, wo sie bei Christus sind und das Angesicht Gottes in Licht und Herrlichkeit sehen, wartend auf die vollständige Wiederherstellung ihrer Körper. Und die Seelen der Schlechten werden in die Hölle hinabgeworfen, wo sie in völliger Dunkelheit und Qual verbleiben, zurückbehalten für das Gericht am großen Tag.

Mose 7:57
…und alle Geister, die im Gefängnis waren, kamen hervor und standen zur rechten Hand Gottes, und die übrigen wurden bis zum Gericht des großen Tages in Ketten der Finsternis behalten.
Wie vorher gezeigt, war das Gefängnis nur für diejenigen zur Zeit Noachs vorbehalten. Alle anderen Geister sollten bis zum Gericht an ihrem jeweiligen Ort bleiben. Von einer möglichen Erlösung vor der Auferstehung wird ausdrücklich nicht gesprochen.

LuB 76:73-74; 77 widerspricht Mose 7:57. Demnach habe Jesu allen Gefangenen gepredigt, aber diese würden nicht zur rechten Hand Gottes stehen, sondern allenfalls ins terrestriale Reich gelangen.
Allerdings sprechen auch LuB 76 und Mose 7 nicht davon, dass Jesus die Gefangenen als Geist besuchte. Dies hat Joseph Smith erst ab 1841 gelehrt. Hierbei zitierte er auch Jesaja 24:20-22 als Beleg dafür, dass nicht nur den Gefangenen aus der Zeit Noachs das Evangelium gepredigt wurde:
An jenem Tag wird der Herr hoch droben das Heer in der Höhe zur Rechenschaft ziehen und auf der Erde die Könige der Erde. Sie werden zusammengetrieben und in eine Grube gesperrt; sie werden ins Gefängnis geworfen und nach einer langen Zeit wird er sie strafen.
Es spricht hier allerdings nicht von Erlösung aus dem Gefängnis sondern von Strafe und Verurteilung.

6. Nur eine obskure Schriftstelle zu Taufen für Verstorbene im NT

1. Korinther 15:29
Wie kämen sonst einige dazu, sich für die Toten taufen zu lassen? Wenn Tote gar nicht auferweckt werden, warum lässt man sich dann taufen für sie?
Viele Bibelforscher sehen im Ausspruch Paulus keine ausdrückliche Unterstützung der Praxis, auch weil es nur von ‚einigen‘ spricht. Zudem wird es eher als Übernahme der heidnischen Praxis der Römer und Griechen gesehen, die heilige Handlungen für ihre Verstorbenen vollzogen hatten. So war die Praxis der Taufe für Verstorbenen nach Aussagen von frühen Kirchenhistorikern auf wenige christliche Gruppen begrenzt.

Hebräer 11:40
… weil Gott erst für uns etwas Besseres vorgesehen hatte; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden.
Aus dieser Stelle hat Joseph Smith später abgeleitet, dass die Verstorbenen nicht ohne uns und wir nicht ohne sie errettet werden können (LuB 128:18). Zum einen spricht es im Hebräerbrief nur von einer Abhängigkeit. Zum anderen kann man aus dem Zusammenhang kaum vom Predigen oder von heiligen Handlungen für Verstorbene sprechen. Dazu muss man schon sehr viel in diese Passage hineinlesen. Eigentlich spricht Hebräer 11:40 nur davon, dass Männer wie Henoch, Noach, Abraham, Isaak oder Jakob auch das Sühnopfer Jesu Christi benötigen, um errettet zu werden. Wenn es an heiligen Handlungen hinge, die Tempelverordnungen hatten die besagten Männer ja längst erhalten bzw. praktiziert.

Offenbarung 20:12
Dass es sich beim Inhalt der Bücher auch um die Aufzeichnung von stellvertretenen heiligen Handlungen handelt, wie LuB 128 behauptet, ist fraglich. Offenbarung 20:12-13 spricht davon, dass in den Büchern ihre eigenen Werke aufgezeichnet sind. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war. 2. Nephi 29:11-12 deutet die Bücher als die verschiedenen Heiligen Schriften, also auch nicht die Aufzeichnungen von heiligen Handlungen, die für die Erlösung von Toten vollzogen wurden.

7. Im BM werden die Seelen errettet ohne zusätzliche heilige Handlungen

Mosia 15:24
Und diese sind es, die an der ersten Auferstehung teilhaben; und es sind diejenigen, die, ehe Christus gekommen ist, in ihrer Unwissenheit gestorben sind, ohne daß ihnen die Errettung verkündet worden ist. Und auf diese Weise bringt der Herr ihre Wiederherstellung zustande; und sie haben teil an der ersten Auferstehung oder haben ewiges Leben, denn sie sind durch den Herrn erlöst.

Mosia 3:11
Denn siehe, und sein Blut sühnt auch für die Sünden derjenigen, die durch die Übertretung Adams gefallen sind, die gestorben sind, ohne den Willen Gottes in bezug auf sich zu kennen, oder die unwissentlich gesündigt haben.

Moroni 8:22-23
Denn die Macht der Erlösung kommt allen zu, die kein Gesetz haben; darum kann, wer nicht schuldig gesprochen ist oder wer unter keiner Schuldigsprechung steht, nicht umkehren; und für so jemanden bringt die Taufe nichts zuwege—  sondern es ist ein Gespött vor Gott und leugnet die große Barmherzigkeit Christi und die Macht seines Heiligen Geistes und setzt Vertrauen in tote Werke.
Wenn die Taufe für Verstorbene so wichtig wäre, warum wird sie im BM nicht erwähnt, ja warum hat Christus sie nicht den Nephiten gelehrt? Nicht nur wird sie nicht erwähnt, sie widerspricht sogar der Aussage des Buch Mormons.

Apropos Widersprüche: Laut LuB 76:72-74 kommen diejenigen ohne Gesetz ins terrestriale Reich. Außerdem habe Christus nur den rebellischen Geistern das Evangelium gepredigt, nicht aber den Unwissenden. Anscheinend landen nämlich nur die rebellischen Geister im Gefängnis.
1836 kam dann aber die Überraschung, als Joseph seinen ungetauften Bruder in einer Vision im celestialen Reich sah. Plötzlich können also auch diejenigen, die das Evangelium zu Lebzeiten nicht empfangen haben, ins celestiale Reich gelangen. Von heiligen Handlungen für Verstorbene aber keine Rede. Taufen für Verstorbene begannen erst 4 Jahre später und auch nur als Option für diejenigen, von denen Mitglieder glaubten, sie hätten das Evangelium angenommen.
So richtig begann die Arbeit für Verstorbene dann auch erst unter Wilford Woodruff ab 1894, wo er sagte: „Es wird nur sehr wenige geben, wenn überhaupt, die das Evangelium nicht annehmen werden.“

8. Zweifelhafte Vision Joseph F. Smiths

1975 wurde die Vision Joseph F. Smiths von 1918 als LuB 138 aufgenommen. Im Widerspruch zu den Aussagen in den Heiligen Schriften und anderer Profeten heißt es darin, dass Christus nur die Rechtschaffenen in der Geisterwelt besucht habe. Joseph Smith und Brigham Young hatten explizit das Gegenteil behauptet. Und plötzlich ist das Gefängnis in der Geisterwelt auch nicht mehr nur der Ort der Schlechten, sondern aller, die auf die Auferstehung warten. Nebenbei ist die Aussage, dass Mose und Elijah dort gewesen seien problematisch, da Joseph Smith gelehrt hat, dass entrückte Wesen und Geister nicht miteinander verkehren. Diese Offenbarung ist also mit Vorsicht zu betrachten.

9. Begabung in Kirtland nicht mit der heutigen Begabung vergleichbar

Als Sidney Rigdon sich der Kirche anschloss, kritisierte er die Missionare für deren mangelnde Macht. Auch gab es in der Anfangszeit mehrere misslungene Versuche, Wunder zu bewirken. Daraufhin sollten die Missionare vor ihrer Aussendung mit Kraft aus der Höhe in einer speziellen Versammlung ausgestattet werden, ähnlich wie auch die Apostel zu Pfingsten mit einem besonderen Erlebnis mit dem Heiligen Geist gesegnet wurden. Hierzu wurde gemäß LuB 38:32 eine Konferenz in Kirtland am 3. Juni 1831 abgehalten. Nach Fasten und Gebet wird von besonderen geistigen Erlebnissen berichtet. Außerdem wurden die Ältesten gleichzeitig zum Höheren Priestertum mit der Sieglungsmacht ordiniert. Dies gehörte alles zusammen zur Begabung und diente ausschließlich der Vorbereitung von Missionaren.

1833 wurde dieses Konzept im Rahmen der Schule der Profeten ausgeweitet durch Einführung der Fußwaschung als heilige Handlung. Anzumerken sei, dass Fußwaschung weder in der Bibel noch dem BM als heilige Handlung aufgeführt wird – zumal sie, wenn sie zum mosaischen Gesetz gehört haben sollte (wozu es keinen Hinweis gibt, was aber von Joseph Smith behauptet wurde), sie mit Christus überflüssig geworden sein müsste.

1836 wurde die Begabung im Kirtland-Tempel (eigentlich wurde das Haus des Herrn erst Jahre später als Tempel bezeichnet) weiter ausgebaut, indem die Waschung, Parfümierung und Salbung hinzugefügt wurden. Außerdem erhielten die Teilnehmer einen besonderen Segen. Und dies war durch intensive geistige Erlebnisse begleitet. Wobei dies einige später abgefallene auf den Alkoholkonsum zurückgeführt haben wollen. Wie LuB 109:22 zeigt, ging es bei alldem nach wie vor darum, die auf Mission ausgesandten Brüder mit besonderer Macht auszustatten.

Auch der Nauvoo-Tempel war initial nach dem selben Prinzip entworfen worden. Erst nachdem Joseph Smith Freimaurer geworden war und wegen Verrats in seiner unmittelbaren Nähe eine besondere Form der Geheimhaltung in einem engen Zirkel suchte, wurden Zeremonien aus dem Freimaurertum übernommen: zeremonielle Kleidung, Schlüsselwörter, Zeichen, Nachspielen der Schöpfungsperioden usw. Hierfür wurde dann nach Joseph Smiths Tod der Dachboden des Nauvoo-Tempels umgebaut, um diese neue Form der Begabung durchzuführen.

10. Joseph Smiths Anspruch auf Verknüpfung aller Dispensationen

Joseph Smith erhob den Anspruch, nicht nur Wahrheiten und Praktiken der frühen christlichen Kirche zur Zeit Jesu und der Apostel Petrus, Paulus & Co. wiederherzustellen, sondern alle Zeitalter der Menschheit miteinander zu verbinden. Bis zurück zu Adam sollte es gehen und insbesondere aber um die in allen Heiligen Schriften wiederzufindende Warnung, das Herz der Kinder den Vätern zuzuwenden (JS Lsg. 1:38-39; LuB 2:1-3; 3. Nephi 25:1-6 und natürlich Maleachi 3:23-24). Unter ‚Vätern‘ verstand er Abraham, Isaak und Jakob. Die Verbindung zu den alten Patriarchen sollte durch ihn hergestellt werden. So wurden etliche Mitglieder von Joseph Smith ‚adoptiert‘ und alle Familienlinien dieser Dispensation sollten an ihn gesiegelt werden.

In diesem Zusammenhang verstand er auch die Praxis der Vielehe als Wiederherstellung der Werke Abrahams. Durch die Siegelung von Frauen und Töchtern sollten befreundete Familien-Clans in Ewigkeit verbunden und an den Verheißungen Abrahams, Isaaks und Jakobs teilnehmen.

11. Weder im BM noch im AT oder NT wird die Heiligkeit der Ehe betont oder gar von ewiger Ehe gesprochen

Jesus hat sich zwar gegen die Scheidung ausgesprochen, allerdings sind die übrigen von ihm übermittelten Kommentare zur Ehe als eher neutral bzw. gleichgültig anzusehen. Bei Paulus finden wir eher kritische Stellungnahmen zur Ehe. Auch wenn 1. Korinther 11:11 als Bestätigung der ewigen Beziehung zwischen Mann und Frau gesehen wird, so spricht es eigentlich nur allgemein von Männern und Frauen als Teil der Gemeinschaft.

12. Veränderung der Siegelung

Die Ehesiegelung bestand anfangs nicht in der Siegelung von Mann und Frau aneinander, auch wenn das eine Rolle spielte. Die eigentliche Siegelung bezog sich jedoch auf die Versiegelung zum ewigen Leben. Siehe LuB 132:19, 26. Die Siegelung garantierte somit das Erlangen des celestialen Reichs und ewige Vermehrung mit der Ausnahme der Sünde gegen den Heiligen Geist oder Mord. Auch haben Joseph Smith, Brigham Young und andere gelehrt, dass sogar deren Kinder garantiert ins celestiale Reich kommen, auch wenn sie ggf. vorher für ihre Sünden kurzfristig leiden müssen. Heutzutage wird dies nicht mehr so betont bzw. an die individuelle vollständige Umkehr geknüpft.
Die Garantie bzw. Siegelung zur Erhöhung wurde später von der Ehesieglung als so genannte Zweite Salbung getrennt. Erst unter Heber J. Grant wurde die Zweite Salbung nicht mehr als erforderlich für das Erlangen des celestialen Reichs erklärt. Und heute wird die Zweite Salbung nicht mehr offen gelehrt.

13. Joseph Smith sollte eigentlich ‚nur‘ das BM hervorbringen

Im der ersten Version von LuB bzw. Book of Commandments heißt es in 4:2: …und er hat die Gabe, das Buch zu übersetzen. Und ich habe ihm geboten, auf keine andere Gabe Anspruch zu erheben, denn ich werde ihm keine andere Gabe gewähren.
Dies wurde 1835 geändert in:
Und du hast die Gabe, die Platten zu übersetzen, und das ist die erste Gabe, die ich dir verliehen habe; und ich habe dir geboten, auf keine andere Gabe Anspruch zu erheben, bis meine Absicht hierin erreicht ist; denn ich werde dir keine andere Gabe gewähren, bis dieses abgeschlossen ist. (LuB 5:4)

14. Anfangs reichte lauf Joseph Smith Umkehr und Nachfolgeschaft

Siehe, dies ist meine Lehre: Wer auch immer umkehrt und zu mir kommt, der ist meine Kirche. Wer auch immer mehr oder weniger als dies verkündet, der ist nicht von mir, sondern ist gegen mich; darum ist er nicht von meiner Kirche. (LuB 10:67-68)
Auch wenn LuB 84:27 etwas anderes behauptet, so waren die Prinzipien Glaube und Taufe im AT unbekannt. Es gab lediglich rituelle Waschungen, die bis hin zu Zeiten Johannes des Täufers an Bedeutung zugenommen hatten. Allerdings wurde es auch im NT nicht so verstanden, dass man durch die Taufe Mitglied einer Kirche würde. Auch wird das Händeauflegen für die Gabe des Heiligen Geists erst in der Apostelgeschichte erwähnt (Apg. 8:12-17; 19:1-7).

15. Tempelpraktiken in alter Zeit haben nur wenig mit den heutigen Tempeln gemein

Zumindest was die Praktiken anbelangt gibt es kaum Übereinstimmungen zwischen den Tieropfern und den heutigen Tempelverordnungen. Allerdings gibt es Parallelen hinsichtlich der Kleidung der Hohepriester und der generellen Zielsetzung, nämlich die Menschen in Verbindung und in die Gegenwart Gottes zu bringen. Auch orientiert sich das Taufbecken in unseren Tempeln mit den Stieren am Vorbild aus dem AT, wenngleich die Verwendung eine andere ist. Und man kann den celestialen Raum mit dem Allerheiligsten gleichsetzen. Außerdem gibt es Zusammenhänge zwischen den alten Tempeln und dem Schöpfungsbericht sowie der Vertreibung aus dem Paradies.

16. Vielehe gerät in Nauvoo außer Rand und Band

Zwischen 1841 und 1843 heiratete Joseph Smith 33 Frauen: 11 Alleinstehende zwischen 13 und 19 Jahren, 11 Alleinstehende älter als 19 und 11 Frauen, die bereits verheiratet waren.
  • Nur ein Teil der Ehen waren Emma bekannt. Außerdem verleugnete er öffentlich die Praxis.
  • Teilweise schickte er die Männer der Frauen auf Mission, um ihnen in Abwesenheit der Männer Anträge zu machen.
  • Im Rahmen der Anträge versprach er Errettung für die gesamte Familie der Frauen.
  • Mehrere seiner Frauen lebten zusammen mit Emma in seinem Wohnhaus. Als Emma sich beschwerte, schlug Joseph ihr zunächst vor, sie könne im Gegenzug William Law haben – wogegen sich William Law jedoch wehrte und was gemäß LuB 132:51 auch widerrufen wurde.
  • Mehrere Zeitzeugen sprechen von sexuellen Anschuldigungen gegen Joseph Smith und unangemessenem Verhalten gegenüber Frauen.
Wie Saul, David und Salomo im Alten Testament erscheint es, stürzte auch Joseph Smith aufgrund seines Egos und Libidos, letztlich seiner zu großen Macht. So ließ sich  Joseph Smith in Nauvoo sogar zum ‚König der Erde‘ durch den ‚Rat der Fünfzig‘ krönen. Als sein Ratgeber William Law erfuhr, dass Joseph in seiner Abwesenheit seiner Frau Avancen gemacht hatte, wandte er sich entsetzt von ihm ab und wollte mit dem Nauvoo Expositor die Machenschaften Joseph Smiths aufdecken. Wie bekannt ließ Joseph Smith jedoch die Druckerpresse zerstören, was schließlich zu seiner Festnahme und Ermordung führte.

17. Fülle des Priestertums nicht wiederhergestellt stattdessen Kirche verstoßen

Folgende Warnung lastete über der Kirche in Nauvoo:
„Und weiter, wahrlich, ich sage dir: Lass alle meine Heiligen von ferne hierherkommen.
 Und sendet Eilboten aus, ja, ausgewählte Boten, und sagt ihnen: Kommt mit all eurem Gold und eurem Silber und euren Edelsteinen und mit all euren alten Kostbarkeiten und mit all jenen, die von alten Kostbarkeiten Kenntnis haben—und die kommen wollen, mögen kommen—und bringt Buchsbaum und Föhre und Tanne und alle kostbaren Bäume der Erde mit;
kommt mit Eisen, mit Kupfer und mit Messing und mit Zink und mit all euren Kostbarkeiten der Erde, und baut meinem Namen ein Haus, dass der Allerhöchste darin wohnen kann.
Denn es findet sich kein Ort auf der Erde, wohin er kommen könnte, um euch das wiederherzustellen, was verlorengegangen war oder was er weggenommen hat, nämlich die Fülle des Priestertums.
Denn kein Taufbecken gibt es auf der Erde, wo sie, meine Heiligen, für diejenigen getauft werden können, die tot sind—
denn diese Verordnung gehört in mein Haus und kann für mich sonst nicht annehmbar sein, außer in den Tagen eurer Armut, solange ihr nicht imstande seid, mir ein Haus zu bauen.
Aber ich gebiete euch, allen meinen Heiligen, mir ein Haus zu bauen; und ich gewähre euch genügend Zeit, mir ein Haus zu bauen; und während dieser Zeit werden eure Taufen für mich annehmbar sein.
Aber siehe, wenn diese bestimmte Zeit zu Ende ist, werden eure Taufen für eure Toten für mich nicht mehr annehmbar sein; und wenn ihr dies nicht tut, werdet ihr nach Ablauf der bestimmten Zeit als Kirche samt euren Toten verworfen werden, spricht der Herr, euer Gott.
Wenn ihr mit all eurer Macht arbeitet, will ich jenen Platz weihen, so dass er geheiligt sei.
Und wenn mein Volk auf meine Stimme hören wird, auch auf die Stimme meiner Knechte, die ich bestimmt habe, mein Volk zu führen, siehe, wahrlich, so sage ich euch: Sie werden nicht von ihrem Platz entfernt werden.
Wenn sie aber nicht auf meine Stimme hören werden, auch nicht auf die Stimme dieser Männer, die ich bestimmt habe, so werden sie ohne Segen sein, weil sie meinen heiligen Boden und meine heiligen Verordnungen und Satzungen und meine heiligen Worte, die ich ihnen gebe, verunreinigen.
Und es wird sich begeben: Wenn ihr meinem Namen ein Haus baut, aber das, was ich sage, nicht tut, so werde ich den Eid, den ich euch leiste, nicht vollziehen und auch die Verheißungen, die ihr aus meinen Händen erwartet, nicht erfüllen, spricht der Herr.
Denn statt Segnungen bringt ihr dann durch eure eigenen Werke Fluch, Grimm, Unwillen und Richterspruch auf euer eigenes Haupt—durch eure Torheit und durch alle eure Greuel, die ihr vor mir verübt, spricht der Herr.“ (LuB 124:25-48)

Joseph Smith starb im Juni 1844. Bis dahin hatten die Heiligen 3 1/2 Jahre Zeit gehabt, den Tempel zu bauen. Der Nauvoo-Tempel wurde jedoch erst weitere zwei Jahre später geweiht und selbst da war er nicht wirklich fertiggestellt. Vor der Weihung zerstörte ein Feuer im Tempel Teile des Dachs und der Boden des Versammlungsraums sackte bei einer der letzten Versammlungen ein. Das Dachgeschoss wurde nie vollständig in Stand gesetzt. Den ersten Tempelbesuchern warf Brigham Young Leichtfertigkeit und Diebstahl von Tempelkleidern vor. Im Gegensatz zum Kirtland-Tempel gab es keinerlei göttliche Kundgebungen im Zusammenhang mit der Weihung. Im November 1848 wurde der Tempel in Nauvoo durch Brandstiftung und 1850 schließlich durch einen Tornado so stark zerstört, dass er vollständig abgerissen werden musste.
Wie in LuB 124 vorausgesagt, wurden die Heiligen aus Nauvoo vertrieben. Und ein Fluch lastete auf den Heiligen: in Winter Quarters herrschte Elend und die ersten Jahre im Salzseetal waren grausam. Erst mit dem Goldrausch in Kalifornien verbesserte sich die ökonomische Situation der Heiligen, als nämlich durch die Reisenden viel Geld und Ware in die Region kam. Im wahrsten Sinne erfüllte sich die Prophezeiung: „Denn statt Segnungen bringt ihr dann durch eure eigenen Werke Fluch, Grimm, Unwillen und Richterspruch auf euer eigenes Haupt—durch eure Torheit und durch alle eure Greuel, die ihr vor mir verübt, spricht der Herr.“ (LuB 124:48)


18. Welche Schlüssel soll Elija gebracht haben?

Das Erscheinen von Elija 1836 im Kirtland-Tempel wird in LuB 110 beschrieben. Allerdings wurde der Abschnitt erst 1879 zu LuB hinzugefügt. Der Abschnitt entstammt Aufzeichnungen Warren Cowderys, die in der dritten Person verfasst und 1852 gefunden und umgeschrieben wurden. LuB 110 spricht eigentlich nicht davon, dass Elija irgendwelche Schlüssel übertragen hätte.

Dass Joseph Smith die Sieglungsvollmacht besaß, macht LuB 132 deutlich. Abschnitt 132 wurde ebenfalls später dem Buch LuB hinzugefügt, als in der Kirche offen Vielehe praktiziert wurde und man sich dabei auf die Religionsfreiheit berief. Nun konnte man dies schlecht tun, solange es keine kanonisierte Rechtfertigung der Vielehe gab. Also wurde Abschnitt 132 hinzugefügt. Der Abschnitt ist wohl aus mehreren Teilen zusammengesetzt und entstand ursprünglich, um Emma Smith von der Vielehe zu überzeugen. Die Vielehe begann jedoch bereits um das Jahr 1833 herum, also muss die Offenbarung zu LuB 132 bereits vorher stattgefunden haben. Wenn Elija also erst 1836 die Sieglungsvollmacht übertragen hätte, konnte Joseph Smith diese nicht besitzen, als er gemäß LuB 132 die ersten Frauen neben Emma heiratete. Außerdem hat Joseph Smith nachweislich einzelne Personen und Gruppen im Jahr 1831 für das ewige Leben gesiegelt. Auch dies würde nicht passen, wenn die Sieglungsvollmacht erst 1836 durch Elija wiederhergestellt worden sein soll.

Das ganze Konstrukt erscheint also nicht stimmig und basiert auf einem Missverständnis von Orson Pratt aus dem Jahr 1852, der irrtümlicherweise die Offenbarung in LuB 132 auf das Jahr 1843 datierte.

19. Die Sieglungsvollmacht kommt nur durch Christus persönlich im Rahmen des Zweiten Trösters

Es muss also vielmehr so gewesen sein, dass Joseph Smith die Sieglungsvollmacht lange vor dem Erscheinen Elijas im Tempel in Kirtland erhalten hatte. Die Frage ist nun also: Kann und wurde diese Vollmacht Brigham Young und den Aposteln weitergegeben? Oder erfordert die Sieglungsvollmacht den Empfang des ‚zweiten Trösters‘?

Nephi hat die Sieglungsvollmacht direkt vom Herrn im Rahmen des ‚zweiten Trösters‘ erhalten:
„Gesegnet bist du, Nephi, um deswillen, was du getan hast; denn ich habe gesehen, wie du diesem Volk unermüdlich das Wort verkündet hast, das ich dir gegeben habe. Und du hast sie nicht gefürchtet und warst nicht auf dein eigenes Leben bedacht, sondern warst auf meinen Willen bedacht und dass du meine Gebote hältst.
 Und nun, weil du dies so unermüdlich getan hast, siehe, so werde ich dich segnen immerdar; und ich werde dich mächtig machen im Wort und im Tun, im Glauben und in Werken; ja, selbst so, dass dir alles gemäß deinem Wort geschehe, denn du wirst nichts erbitten, was gegen meinen Willen ist.
Siehe, ich gebe dir Macht, dass, was auch immer du auf Erden siegeln wirst, im Himmel gesiegelt sein wird, und was auch immer du auf Erden lösen wirst, im Himmel gelöst sein wird; und so wirst du Macht unter diesem Volk haben.“ (Helaman 10:4,5,7)

Die Lehre vom ‚zweiten Tröster‘ wird heute nicht mehr gelehrt, war jedoch eine zentrale Lehre Joseph Smiths. Die Ordinierung zum Apostelamt wurde in der Anfangszeit der Kirche nur als Einladung verstanden, die apostolische Berufung durch direkte göttliche Übertragung zu empfangen. So wurde den ersten Aposteln Folgendes mit auf den Weg gegeben:
„Hört niemals auf danach zu streben, bis ihr Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen habt. Stärkt euren Glauben, legt eure Zweifel ab, eure Sünden und all euren Unglauben, und nichts kann euch daran hindern, zu Gott zu kommen. Eure Ordinierung ist nicht vollständig und komplett, bis Gott seine Hand auf euch gelegt hat. Wir benötigen dieselbe Qualifizierung wie diejenigen, die vor uns gegangen sind. Gott ist der gleiche. Wenn der Heiland in früheren Tagen seine Hände seinen Jüngern auflegte: Warum nicht in den Letzten Tagen?“ (Documented History of the Church 2:195)
Brigham Young hat jedoch selber erklärt, er habe nie eine Erscheinung von Engeln oder gar dem Vater oder Sohn gehabt (siehe Journal of Discourses 7:243; 10:23). Somit war seine Ordinierung unvollständig geblieben.

20. Begabungs-Zeremonie vom Freimaurertum

Woher haben wir die Zeremonie der Begabung? Nun, Joseph Smith hatte sie mit Brigham Young über seinem Laden entwickelt – und zwar in starker Anlehnung an die Freimaurer-Rituale, die in Nauvoo intensiv praktiziert wurden. Interessant ist dabei der Zusammenhang zur Verstoßung seines Ratgeber John C. Bennett, der die Lehre der Mehrehe dazu missbraucht hatte, um andere Frauen zu verführen. Er hatte Joseph vorgeworfen, nichts Neues mehr offenbart zu haben. Daraufhin wurde Joseph zu einem Freimaurer, um in diesem Rahmen seine geheimen Praktiken in einem inneren Zirkel zu bewahren. Und erst daraufhin veränderte und erweiterte er die Begabung um die Geheimniskrämerei und dessen, was wir heute als Begabung kennen. Er war der Ansicht, dass er mit der Übernahme der Symbole und Handzeichen das wahre Freimaurertum wiederhergestellt habe, welches auf den Bau des Tempels Salomos zurückgehe. Wie man heute weiß, ist diese Aussage kaum haltbar. Ungeachtet der sehr zweifelhaften Zurückführung der Rituale auf den Tempel Salomos bleibt die Aussage in LuB 124, dass diese Dinge nicht im Laden Joseph Smiths, sondern nur im Tempel Nauvoos wiederhergestellt werden können. Denn noch kurze Zeit vorher hatte Hyrum Smith versichert, dass die Begabung im Nauvoo-Tempel genauso vonstattengehen sollte wie in Kirtland – und da gab es Waschungen und Salbungen, das Abendmahl und gemeinsames Profezeien usw.
Welche Priestertumsvollmacht und -schlüssel besitzt die Kirche heute angesichts dieser Umstände?

21. Ich habe aber ein Zeugnis vom Tempel durch den Heiligen Geist

Folgendes müssen wir dabei beachten:
a) Wenn der Heilige Geist Zeugnis bestimmter Wahrheiten gibt, heißt es nicht, dass das ganze damit verbundene Paket und alle Details der Praktiken wahr und richtig sind. Das Buch Mormon kann bspw. inspiriert und Joseph Smith später abgefallen sein. Oder Tempel können ein heiliger Ort trotz der kopierten Freimaurer-Rituale sein.
b) Selbst Boyd K. Packer gesteht, dass es sehr schwer ist, zwischen Emotionen und geistiger Inspiration zu unterscheiden: „Der geistige Teil von uns und der emotionale Teil von uns sind so stark miteinander verbunden, dass es möglich ist, emotionale Impulse mit etwas Geistigem zu verwechseln. Wir finden teilweise Menschen, die wie sie annehmen geistige Einflüsterungen von Gott erhalten haben, während diese Einflüsterungen entweder in ihren Emotionen begründet sind oder vom Widersacher stammen.“ (Packer, “Candle,” pp. 55­56)
Wie z.B. Professor Jonathan Haidt gezeigt hat, gibt es Emotionen, die sich wie flüssige Wärme in der Brust verbreiten und ein Kloß im Hals verursachen – und bspw. durch Reden von Barack Obama ausgelöst wurden.
c) Unsere Gefühle können uns trügen. Mittlerweile hat man über 50 mögliche kognitive Verzerrungen in Experimenten gezeigt. Es gibt daher keine Gefühle, die unabhängig von unseren Gedanken und unbewussten Wünschen und Vorstellungen existieren.

Grundsätzlich ist der Tempel ein Ort der inneren Einkehr und dem Hintersichlassen des Alltags und Besinnung auf Geistiges etwas Positives und Gutes. Auch sind die Gedanken, für die Errettung anderer etwas zu tun, Familienbande zu stärken, allen Menschen die Tür zur Errettung unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit in diesem Leben zu öffnen und sich dem Glauben zu verpflichten sehr schön. Und das kann eine Erklärung dafür sein, dass Menschen besonders positive und schöne Gefühle für den Tempel empfinden. Und das ungeachtet der theologischen Probleme, die den meisten Mitgliedern ohnehin nicht bewusst sind. Vielleicht sind die Ungereimtheiten auch alle nur als eine Prüfung unseres Glaubens gedacht…