Ist die Bibel ein Märchenbuch?


Es muss einfach gesagt werden: Das naturwissenschaftliche Weltbild der Bibel ist wissenschaftlich veraltet! Man mag die Aussagen von Genesis noch so verbiegen. Ja, vielleicht meinten die Autoren tatsächlich Gene oder Atome als sie von Staub sprachen, aus dem der Mensch gestaltet wurde. Denn es gab damals keinen Begriff für kleinere Elemente als die für das Auge Sichtbaren. Und ja, vielleicht bedeutet die Schöpfung der Sonne am vierten Tag der Schöpfung wirklich, dass die Sonne von der Erde aus sichtbar wurde, da die Atmosphäre sich vom Dunst befreite.
Wir müssen nicht annehmen, dass die biblischen Autoren naturwissenschaftliche Erkenntnisse erhielten, die ihre Kultur weit überstieg, um unseren Glauben an die Schriften aufrecht zu erhalten. Die Bibel ist nicht dazu da, um die Entfernung von der Erde zur Sonne zu berechnen oder das Alter von Fossilien zu bestimmen.
James E. Talmage warnt uns:
Die Anfangskapitel von Genesis waren niemals als Lehrbuch für Geologie, Archäologie, Erdkunde oder Biologie gedacht. … Wir zeigen keine Achtung vor den Heiligen Schriften, wenn wir sie durch falsche Interpretation missbrauchen.
Die naturwissenschaftliche und geschichtliche Akkuratheit ist für Heilige Schriften nicht das ausschlaggebende Argument.
Man darf beim Studium des Alten Testaments nicht von der modernen abendländischen Kultur ausgehen und unsere heutige Denkweise zum Maßstab für die Beurteilung orientalischer Verhältnisse machen. Weit bis ins Mittelalter hinein war Geschichte ein Zweig der Literatur und nicht der Wissenschaft. Die Geschichte war ein Reservoir an moralischen Lektionen, glaubensstärkenden Geschichten und Beispielen an Glauben und Hingabe. Aristoteles schrieb:
Die künstlerische Darstellung von Geschichte ist eine anspruchsvollere und ernsthaftere Aufgabe als das genaue Schreiben von Geschichte... Das Ziel der Kunst liegt darin, nicht die äußere Erscheinung von Dingen darzustellen, sondern ihre innere Bedeutung. Denn dies, und nicht die äußeren Details, ist wahre Realität.
Diejenigen, die an eine übernatürliche Schöpfung glauben und die natürliche Evolution ablehnen, müssten übrigens ebenso die meterologischen Erkenntnisse über die natürlichen Ursachen von Niederschlag verneinen. Heißt es doch in Ijob 5:10 über Gott:
Er spendet Regen über die Erde hin und sendet Wasser auf die weiten Fluren.
Die Entstehung von Regen wurde zu biblischen Zeiten genauso als ein Wunder angesehen wie die Entstehung der Tier- und Pflanzenarten. Beides ist durch neuere Erkenntnisse durch natürliche Prozesse erklärbar.
Der Prozess der Entstehung der Bibel ist ebenfalls von natürlichen, menschlichen Elementen beeinflusst, wie sie auch bei weltlicher Literatur in Erscheinung treten. Das israelitische Volk war von altertümlichen Mythen und Traditionen geprägt und von heidnischen Kulten umgeben und durchdrungen. Lange Zeit war es eher eine Minderheit des Volkes, die den wahren Gott verehrt hat.
Da antworteten alle Männer, die wussten, dass ihre Frauen anderen Göttern opferten, und alle Frauen, die dabeistanden, eine große Schar, sowie alle Leute, die in Ägypten und in Patros wohnten, dem Jeremia: Was das Wort betrifft, das du im Namen des Herrn zu uns gesprochen hast, so hören wir nicht auf dich. Vielmehr werden wir alles, was wir gelobt haben, gewissenhaft ausführen: Wir werden der Himmelskönigin Rauchopfer und Trankopfer darbringen, wie wir, unsere Väter, unsere Könige und unsere Großen in den Städten Judas und in den Straßen Jerusalems es getan haben. (Jeremia 44:15-17)
So musste Elia trotz seines Sieges beim Wettbewerb gegen die Baalspriester vor Isebel außer Landes fliehen. Und selbst im Tempel zu Jerusalem wurde die meiste Zeit seiner Existenz die Schlangengöttin Nehuschtan und die Göttin Ascherah verehrt. Und immer wieder lesen wir davon, wie heidnische Kultstätten und -objekte eingeführt oder zerstört wurden:
Sie verließen den Herrn, den Gott ihrer Väter, der sie aus Ägypten herausgeführt hatte, und liefen anderen Göttern nach, den Göttern der Völker, die rings um sie wohnen. Sie warfen sich vor ihnen nieder und erzürnten dadurch den Herrn. (Richter 2:12)
Salomo verehrte Astarte, die Göttin der Sidonier, und Milkom, den Götzen der Ammoniter und baute auf dem Berg östlich von Jerusalem eine Kulthöhe für Kemosch, den Götzen der Moabiter, und für Milkom, den Götzen der Ammoniter. (1. Könige 11:5,7)
Er schaffte die Kulthöhen ab, zerbrach die Steinmale, zerstörte den Kultpfahl und zerschlug die Kupferschlange, die Mose angefertigt hatte und der die Israeliten bis zu jener Zeit Rauchopfer darbrachten - man nannte sie Nehuschtan. (2. Könige 18:4)
Das Judentum hat sich erst langsam aus diesem „heidnisch“ geprägten Hintergrund heraus entwickelt. Dazu gehörte eine Verschmelzung der diversen kultischen Feste und Riten. Das jüdische Laubhüttenfest stimmt beispielsweise überein mit dem Neujahrsfest (ähnlich wie das Datum von Weihnachten und Ostern heidnische Ursprünge hat). Gleiches gilt für Mythen und Legenden, die von den biblischen Autoren auf Jahwe umgeschrieben oder angepasst wurden, aber ursprünglich in heidnischen Vorstellungen gründeten. Dass die biblischen Autoren vorhandenes kulturelles und kultisches Material verarbeiteten, lag auch daran, dass die Menschen zu der damaligen Zeit in viel geringerem Maße als heute in der Lage waren, neue Informationen aufzunehmen. Die Menschen waren viel stärker in Traditionen verwurzelt. Sie übernahmen die mündlichen Überlieferungen ihrer Ahnen, statt neue Informationen in Büchern oder dem Internet zu suchen. Wir können uns kaum vorstellen, was damalige Traditionen, fast ausschließlich mündliche und lokal begrenzte Vermittlung für das Lernen und die Aufnahme neuer Ideen bedeutet hat.
Die Geschichtsschreibung wie wir sie heute kennen, hat es schlicht und ergreifend nicht gegeben. Am gängigsten waren hingegen so genannte poetische Erzählungen, die keine nüchterne Geschichtsschreibung war, obwohl sie auch auf beobachteten Tatsachen beruhte, aber unbefangen mit Gebilden der Fantasie gemischt wurde, um zu belehren, zu erfreuen, zu rühren, zu begeistern und zu unterhalten. Solche erdichteten Geschichten haben die Menschheit von ihren frühesten Zeiten an begleitet; sie sind gewöhnlich neben den Liedern das Älteste, was von der geistigen Kultur der Völker erhalten geblieben ist. In Form von Romanen sind sie nach wie vor verbreiteter als Sachbücher und streng geschichtliche Darstellungen. Im Gegensatz zur heutigen Zeit pflegten die älteren Völker jedoch, an diese poetischen Erzählungen zu glauben und Roman und Sachbuch bedenkenlos zu vermengen. Wir können zwischen bewusster Dichtung und wirklich geschehenen Begebenheiten unterscheiden und Erzählungen in der Regel einem bestimmten Autor zuordnen. Im Gegensatz dazu ist sie bei früheren Kulturen Allgemeingut und Teil der Tradition, Identität und Überlieferung wie die Sprache. Sie hat sich über Jahrhunderte von Mund zu Mund fortgepflanzt und Unzählige haben sie verändert und angepasst.
So hat natürlich auch Israel und seine umliegenden Völker solche „erdichteten“ Geschichten besessen. Ansonsten hätte Israel eine wunderliche wie traurige Ausnahme gebildet. Und diese haben selbstverständlich auch ihren Weg ins Alte Testament gefunden.
Im Laufe der Jahre werden bei mündlicher Überlieferung Geschehnisse und Personen nahezu selbstverständlich übertrieben, übersteigert, dramatisiert und glorifiziert. Aus einer kleinen Horde wird eine Armee, der gewöhnliche Prinz zu einem übermenschlichen Helden. Nur so werden die Berichte erinnert und können ihr Publikum fesseln. Und um im Gedächtnis zu bleiben, werden sie in bekannte Formen gepresst oder in poetische Reimform gebracht.
Also sollten wir nicht erschrecken, wenn wir im Alten Testament Mischungen mit Märchenmotiven, Fabeln, Heldenlegenden und -sagen vorfinden. Manch einer hält es für einen Angriff auf die Würde und den Status der Heiligen Schrift, in der Bibel nach mythischen und sagenhaften Spuren zu suchen.
So erzählt das Alte Testament von matriarchalischen Tempelkulten (2. Könige 23:7), der Frühlingsgott als „Liebling der Frauen“ wurde verehrt (Daniel 11:37). Kulthandlungen finden in geheimnisvollen Hainen, an Quellen, heiligen Brunnen und geweihten Steinen statt. Auch die Königsmutter hatte eine besondere kultische Rolle. Oder wir lesen von einer wundersamen Pflanze, die Luther als Liebesäpfel übersetzt hat und für die Rahel sogar auf eine Nacht mit Jakob verzichtet:
Einst ging Ruben zur Zeit der Weizenernte weg und fand auf dem Feld Alraunen. Er brachte sie seiner Mutter Lea mit. Da sagte Rahel zu Lea: Gib mir doch ein paar von den Alraunen deines Sohnes! Sie aber erwiderte ihr: Ist es dir nicht genug, mir meinen Mann wegzunehmen? Nun willst du mir auch noch die Alraunen meines Sohnes nehmen? Da entgegnete Rahel: Gut, dann soll Jakob für die Alraunen deines Sohnes heute Nacht bei dir schlafen. Als Jakob am Abend vom Feld kam, ging ihm Lea entgegen und sagte: Zu mir musst du kommen! Ich habe dich nämlich erworben um den Preis der Alraunen meines Sohnes. So schlief er in jener Nacht bei ihr. (Genesis 30:14-16)
Dass Sagen, Mythen und mündliche Überlieferungen der Israeliten das Rohmaterial für die alttestamentlichen Redakteure bildeten, zeigt sich unter anderem in der Simson-Sage. Es ist doch schwer zu glauben, dass Simson den Löwen mit bloßen Händen zerriss, als würde er ein Böckchen zerreißen. (Richter 14:6) Oder dass er den noch blutigen Kinnbacken eines Esels fand, ihn mit der Hand ergriff und damit tausend Männer erschlug (Richter 15:5).
Oder wir finden Passagen, in denen Gott ebenso wie in kultischen Mythen als Kämpfer gegen Ungeheuer und Drachen dargestellt wird:
Wach auf, wach auf, bekleide dich mit Macht, Arm des Herrn! Wach auf wie in den früheren Tagen, wie bei den Generationen der Vorzeit! Warst du es nicht, der die Rahab zerhieb und den Drachen durchbohrte? (Jesaja 51:9)
Man denke auch an die dreimalige fast identische Begebenheit, in der Sara als Schwester statt Ehefrau Abrahams ausgegeben wurde (Genesis 12:10-20; 20:1-18 und 26:1-11). Typisch ist auch die „fabelhafte“ Beseelung der Natur, die sich in vielen biblischen Ausdrücken wieder findet. Das sind allerdings alles nur allegorische Bilder, nicht aber wirklicher Glaube, im Gegensatz zu anderen urtümlichen Kulturen.
Selbst die Zypressen und die Zedern des Libanon machen sich über dich lustig. (Jesaja 14:8)
Das Meer sah es und floh, der Jordan wich zurück. Die Berge hüpften wie Widder, die Hügel wie junge Lämmer. (Psalm 114:3,4)
Berge und Hügel brechen bei eurem Anblick in Jubel aus, alle Bäume auf dem Feld klatschen Beifall. (Jesaja 55:12)
Die Morgenröte wird als Wesen mit Flügeln aufgefasst (Psalm 139:9), die Unterwelt als Ungeheuer (Jesaja 5:14) und am Ende der Erde hat Gott der Sonne ein Zelt gebaut (Psalm 19:5).
Richter 9 enthält die „Fabel vom König der Bäume“, die Jotam den Bürgern von Sichem nach der Krönung seines Bruders Abimelech zum König erzählt hat. Das Alte Testament kennt auch die Vorstellung von einem Königreich der Tiere (Ijob 41:26). Übrigens soll Gott Ninive auch wegen der vielen Tiere verschont haben (Jona 4:11), die sich am Fasten beteiligen mussten (Jona 3:7). Irgendwie süss! Auch der legendäre Vogel Phönix war bekannt (Ijob 29:18), der aus der Asche in frischer Jugend emporsteigt.
In Baruch (3:16, 17) wird an sagenumwobene Könige erinnert:
Wo sind die Gebieter der Völker? Sie herrschten sogar über die Tiere der Erde und spielten mit den Vögeln des Himmels.
Im Alten Testament gibt es auch die Vorstellung von gefesselten Sternbildern und Kindern von Sternen: Knüpfst du die Bande des Siebengestirns oder löst du des Orions Fesseln? Führst du heraus des Tierkreises Sterne zur richtigen Zeit, lenkst du die Löwin samt ihren Jungen? (Ijob 38:31, 32)
Eine ehemals heidnische Legende wurde in Exodus 4:24-26 verarbeitet:
Unterwegs am Rastplatz trat der Herr dem Mose entgegen und wollte ihn töten. Zippora ergriff einen Feuerstein und schnitt ihrem Sohn die Vorhaut ab. Damit berührte sie die Beine des Mose und sagte: Ein Blutbräutigam bist du mir. Da ließ der Herr von ihm ab. «Blutbräutigam», sagte sie damals wegen der Beschneidung.
Sicherlich eine wilde, rohe Geschichte aus der Urzeit, die zunächst keinen Bezug zu Jahwe hatte, sondern von Dämonen handelte. Später wurde sie dann auf den Gott Israels übertragen. Das Wort „Beine“ ist übrigens ein zurückhaltender Ausdruck für „Scham“. In dem Bestreben, nur Jahwe zu verehren, wurden Erzählungen über heidnische Götter und Dämonen entweder verbannt oder einfach Jahwe zugeschrieben – egal, ob das dann wirklich Sinn machte oder nicht.
Dass alte Legenden und Kulte im AT verarbeitet wurden, zeigt auch Genesis 14, wo von einem Kultdrama berichtet wird. Da treffen sich neun Könige zu einem rituellen Kampf in einem Tal und der König von Sodom fällt auf der Flucht in ein Erdpechgrube, wenige Verse später zieht er aber wieder quicklebendig durch die Gegend. Alles Anzeichen für die weit verbreitete archaische Kultpraxis des Königsopfers: der König muss symbolisch in die Unterwelt hinabsteigen, um anschließend wiedergeboren zu werden. Hier wurde also höchstwahrscheinlich aus der kultischen Liturgie eine Geschichte gemacht.
Auch Jakobs Ringen mit dem Herrn (Genesis 32:23-33) könnte eine vorisraelitische Furtlegende über Dämonen, die kein Tageslicht ertragen, zugrunde liegen. Wurde sie gewaltsam umgedeutet, um sie von der Vielgötterei zu befreien? Handelt es sich um Geschichtsfälschung? Die Botschaft könnte lauten: Glaube heißt mit Gott ringen und ihn nicht loslassen, bis man Segen empfängt. Darum geht es doch eigentlich. So erwartet man bei einem Kriminalroman auch keinen Tatsachenbericht oder die akkurate Beschreibung von Polizeiarbeit.
Das Besondere an Mose wird dadurch ausgedrückt, dass er bis zu seinem Tod seine Manneskraft nicht verloren haben soll (Deut 34:7). Wahrscheinlich wurde auch die Geburtslegende König Sargons I. auf Mose projiziert, um ihm idealbiografische Züge zu verleihen - von der wundersamen Bewahrung bei seiner Geburt bis zu einem wundersamen Tod. Der babylonische König Sargon wurde angeblich von seiner Mutter in ein Kästchen aus Rohr, dessen Tür mit Erdpech verschlossen war, auf den Euphrat ausgesetzt, aber von einem Gärtner gefunden und aufgezogen.
Von einem schaurigen Schönheitsmittel wird in 1. Könige berichtet:
Als man im Teich von Samaria den Wagen ausspülte, leckten Hunde sein Blut, und Dirnen wuschen sich darin, nach dem Wort, das der Herr gesprochen hatte. (1. Könige 22:38)
Man wollte den König noch nach seinem Tod verunehren. Die Praxis entstammt dem Glauben, dass das Blut eines Königs Schönheit verleiht, was besonders im Kreise der Dirnen verbreitet war.
Auch wenn das Alte Testament kein Märchenbuch ist, beinhaltet es doch viele klassische Märchenmotive:
Wunschdinge: Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet. (1. Könige 17:14)
Freie Wünsche: In Gibeon erschien der Herr dem Salomo nachts im Traum und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll. (1. Könige 3:5)
Geisterreisen: Er streckte etwas aus, das wie eine Hand aussah, und packte mich an meinen Haaren. Und der Geist hob mich empor zwischen Erde und Himmel und brachte mich in einer göttlichen Vision nach Jerusalem (...). (Ezechiel 8:3)
Riesenlegenden: Dort wurden die Riesen geboren, die berühmten Männer der Urzeit, hoch an Wuchs und Meister im Kampf. Und doch hat Gott nicht diese erwählt, nicht ihnen den Weg der Weisheit gezeigt. Sie gingen zugrunde, weil sie ohne Einsicht waren; ihrer Torheit wegen gingen sie unter. (Baruch 3:26-28); Goliat: Auf seinem Kopf hatte er einen Helm aus Bronze und er trug einen Schuppenpanzer aus Bronze, der fünftausend Schekel wog [1 Schekel = 12g, das heißt 60kg]. (1. Samuel 17:4); In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer. (Genesis 6:4)
Wunderkraft des Körpers von Gottesmännern: Als man einmal einen Toten begrub und eine dieser Scharen erblickte, warf man den Toten in das Grab Elischas und floh. Sobald aber der Tote die Gebeine Elischas berührte, wurde er wieder lebendig und richtete sich auf. (2. Könige 13:21)
Zauberstab: Als Mose am nächsten Tag zum Zelt der Bundesurkunde kam, da war der Stab Aarons, der das Haus Levi vertrat, grün geworden; er trieb Zweige, blühte und trug Mandeln. (Numeri 17:23)
Veränderung des Laufs der Sonne: Siehe, ich lasse den Schatten, der auf den Stufen des Ahas bereits herabgestiegen ist, wieder zehn Stufen hinaufsteigen. Da stieg der Schatten auf den Stufen, die er bereits herabgestiegen war, wieder zehn Stufen hinauf. (Jesaja 38:8); Und die Sonne blieb stehen und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte. Das steht im «Buch des Aufrechten». Die Sonne blieb also mitten am Himmel stehen und ihr Untergang verzögerte sich, ungefähr einen ganzen Tag lang. (Josua 10:13)
Zaubermittel: Doch er befahl: Bringt mir etwas Mehl! Er streute das Mehl in den Topf und sagte: Setzt es nun den Leuten zum Essen vor! Jetzt war nichts Schädliches mehr im Topf. (2. Könige 4:41)
Mit Blindheit schlagen: Als dann die Aramäer anrückten, betete Elischa zum Herrn und rief: Schlag doch diese Leute mit Verblendung! Und der Herr schlug sie auf das Wort Elischas hin mit Verblendung. Daraufhin sagte Elischa zu ihnen: Das ist nicht der richtige Weg und nicht die richtige Stadt. Folgt mir! Ich werde euch zu dem Mann führen, den ihr sucht. Er führte sie aber nach Samaria. Als sie dort angekommen waren, betete Elischa: Herr, öffne ihnen die Augen, damit sie sehen. Der Herr öffnete ihnen die Augen und sie sahen, dass sie mitten in Samaria waren. (2. Könige 6:18-20)
Verwandlung von Menschen in Tiere: Noch in derselben Stunde erfüllte sich dieser Spruch an Nebukadnezzar: Man verstieß ihn aus der Gemeinschaft der Menschen und er musste sich von Gras ernähren wie die Ochsen. Der Tau des Himmels benetzte seinen Körper, bis seine Haare so lang wie Adlerfedern waren und seine Nägel wie Vogelkrallen. (Daniel 4:30)
Vorgeprägte Motive: So wie Ritter Drachen töten, haben Helden im alten Israel Löwen getötet (Simson: Richter 14:5,6; David: 1. Sam. 17:34-36).
Ganz wichtig ist zu bedenken, dass das geschriebene Wort historisch relativ spät eingesetzt hat und in der Antike nur sehr Wenigen zugänglich war. Die älteste Schrift ist die der Sumerer, die um 3 000 v.Chr. in Mesopotamien entwickelt wurde. Bis zum Reich Davids (930 v.Chr.) hat man wenig geschrieben und eher erzählt und gesungen. Erst am königlichen Hof gab es Männer, die schreiben konnten und die Muße hatten, die vorher im Nomadentum oder während der Eroberungskriege fehlte. Schreiben war viel schwieriger, Schreibmaterial – nämlich Tontäfelchen - umständlicher zu handhaben und zu transportieren. Außerdem waren die ältesten Schriften unvollständig, mehrdeutig und kompliziert. Anfangs diente sie lediglich für plumpe Aufzeichnungen im Telegrammstil. Die sumerische Keilschrift ermöglichte zwar Prosa, aber nur in einer komplizierten Mischung aus Hunderten Logogrammen und Zeichen. Die Kunst des Schreibens blieb daher lange ausgebildeten Schreibern vorbehalten, die im Dienst der Könige standen. Etwa 90 Prozent der Schrifttafeln aus den ältesten sumerischen Archiven sind reine buchhalterische Auflistungen.
Die Schreiber haben dann aus den vorhandenen Legenden eine Vergangenheit erschaffen, welche sie für das auserwählte Volk als würdig erachteten. Dass eine Nation sich die eigene Vergangenheit glorreich ausschmückt, ist weder ungewöhnlich noch selten. Dieser „Propaganda-Effekt“ zeigt sich auch in der Rechtfertigung der Tötung von Sauls Nachkommen durch David beziehungsweise seine bereitwillige Auslieferung der sieben Söhne an die Philister. Dass Personen, die einem König den Thron streitig machen könnten, umgebracht wurden, war keine Seltenheit. Übrigens ist der Bericht, dass sie zur Erntezeit getötet wurden, ebenso wie von Davids Umgang mit den Gebeinen ein Hinweis auf heidnische Praktiken.
Viele historische Ereignisse wurden im Verlauf der Geschichte Israels und je nach Standpunkt anders verstanden und interpretiert. Es macht eben einen Unterschied, ob ein Profet aus dem Nordstaat Israel oder dem Südstaat Juda kam, ob man aus der Perspektive des gerade vollzogenen Übergangs vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit, vom Übergang des Stammesbündnisses in Kanaan zum Königreich oder der Blüte des israelischen Reiches unter Davids und Salomos Regentschaft blickt. Die biblischen Berichte wurden hierbei mehrfach überarbeitet, beispielsweise während der Restauration des Tempels und der Reformation unter König Josua (639 bis 609 v.Chr.), der festgestellt hatte, dass das Volk den Herrn verlassen und anderen Göttern geopfert hat (s. 2. Könige 22:17). Ein Großteil des Alten Testaments wurde gar erst nach der Deportation nach Babylon im 6. Jahrhundert vor Christi verfasst.
Die biblischen Redakteure haben zudem verschiedene Quellen und Berichte zu einem einheitlichen Buch zusammengefügt. Einige Bücher, die es einst gegeben hat, sind verloren gegangen: In Numeri 14:9 spricht es von einem Buch der Kriege des Herrn und in Josua 10:13 vom Buch des Aufrechten.
Hin und wieder erkennt man Nahtstellen zwischen verschiedenen zugrunde liegenden Quellen:
Da ging Mose zum Volk hinunter und sagte es ihnen. (Exodus 19:25)
Dann sprach Gott alle diese Worte. (Exodus 20:1)
Dadurch sind einige Widersprüche aufgekommen. Sara soll demnach mit 60 Jahren immer noch so begehrenswert gewesen sein, dass der Pharao sie bei ihrem Aufenthalt in Ägypten in sein Harem holt. Und selbst mit 90 Jahren hätte sie so viel Liebreiz besessen, dass sie noch einmal dasselbe durchmacht (siehe Genesis 20). Oder es kam zu Dubletten etwa bei der wundersamen Beschaffung von Trinkwasser (Exodus 17:1-7 und Numeri 20:1-12).
Zu den Duplikaten zählen auch die zwei Schöpfungsberichte einmal in Genesis 1 und Genesis 2 (ab Vers 4, zweiter Satz) und 3, die zwei Berichte von Hagar und Ischmaels Vertreibung (Genesis 16 und 21) sowie die zwei Berufungen Moses (Exodus 3 und 6). Die Schöpfungsberichte waren vermutlich zunächst zwei getrennte Erzählungen, die nachträglich als geistige und körperliche Schöpfung zusammengesetzt wurden. Durch das Verarbeiten und Zusammenfügen verschiedener Quellen erklärt sich auch, dass Noach mal sieben Paare der reinen Tiere in die Arche nimmt (Genesis 7:2) und dann scheinbar generell nur jeweils ein Paar (Genesis 7:9, 15). Mal wird von Sinai, mal von Horeb als dem Berg gesprochen, auf dem der Herr seinen Bund gebracht hat. Mal heißen die Menschen in Palästina Kanaaniter, mal Amoriter.
Neben althebräischer Sagen und Überlieferungen wurden auch Vorstellungen angrenzender Völker verarbeitet. Die einwandernden Stämme Israels übernahmen die Sprache der Kanaaniter und damit auch Erzählungen, Festzeiten, Heiligtümer, Riten und Gebräuche (siehe auch Sprichwörter 30:1; 31:1). Dies erklärt die vielen Übereinstimmungen mit Traditionen, die im Ugaritischen und anderen kanaanäischen Kulten beheimatet sind. Zum Teil geschah dies bewusst, da die Menschen mit diesen Mythen vertraut waren. Dadurch wurden gerade die Unterschiede zu den anderen Göttern vermittelt. Beispielsweise dass Jahwe nicht das Schicksal seines Volkes im Voraus bestimmte oder selbstsüchtig und willkürlich handelte .
Das Alte Testament ist somit ein komplexes Produkt seiner Zeit und Kultur, der damaligen Art des Erzählens und Schreibens sowie des damaligen Verständnisses der Welt.

Was man im Seminar und Institut nicht über das Neue Testament lernt


Rund 100 Jahre Bibelforschung haben zahlreiche Erkenntnisse (manche davon durchaus umstritten) geliefert darüber, wer die vermeintlichen Verfasser des Neuen Testaments sind und worin sie sich unterscheiden im Hinblick auf das Leben Jesu sowie wichtigen Lehren. Wie ist der Kanon entstanden bzw. was gibt es an außerkanonischen Schriften? Was kann man über den historischen Jesus rekonstruieren sowie darüber, wie das Christentum entstanden ist? In der Kirche Jesu Christi werden diese Erkenntnisse weitestgehend ignoriert oder gar verteufelt. Einige der Erkenntnisse sind (nach Bart D. Ehrmans Buch 'Jesus im Zerrspiegel'):

Keines der Evangelien wurde von Augenzeugen geschrieben, sondern frühestens 35 bis 40 Jahre nach Jesu Tod. Die Evangelien wurden erst rund 100 Jahre danach Verfassern zugeschrieben, um ihnen stärkere Autorität zu verleihen. Wir wissen jedoch nicht, wer sie wirklich verfasst hat (sie wurden anonym verfasst und sprechen von den Jüngern Jesu in der dritten Person). Das Johannes-Evangelium wurde zwar voraussichtlich von einem Johannes geschrieben, dieser war jedoch nicht mit dem Lieblingsjünger Jesu identisch (siehe Joh. 21:7,24). Die ursprünglichen Jünger sprachen nur aramäisch und waren mit großer Wahrscheinlichkeit Analphabeten, die Autoren der Evangelien hingegen hochgebildet und griechischsprachig.

Markus wurde wahrscheinlich als erstes geschrieben (65-70 n.Chr.). Die letzten 12 Verse in Markus zur Auferstehung wurden von einem anderen Schreiber hinzugefügt. Matthäus und Lukas nutzten Markus als Quelle und wurden 15-20 Jahre später geschrieben. Johannes kam noch einmal später hinzu (90-95 n.Chr.).

Bei Markus und Johannes tritt Jesus erst als Erwachsener auf den Plan. Bei Matthäus gibt es keine Hirten bei Jesu Geburt, dafür aber weise Männer, die kommen, um Jesus anzubeten. Bei Lukas gibt es keine Weisen, dafür aber Hirten, die kommen, um Jesus anzubeten. Eine landesweite Volkszählung wird nirgends erwähnt und schon gar nicht bei der die Menschen in ihre Herkunftsstadt zurückkehren mussten. Matthäus und Lukas haben vermutlich unterschiedliche Geschichten konstruiert, um zu zeigen, dass wie nach Micha der Retter aus Bethlehem kam, obwohl Jesus bekanntermaßen aus Nazareth kam.

Bei Markus geschieht die Tempelreinigung zwei Wochen vor Jesu Tod, bei Johannes am Anfang Jesu öffentlichem Auftreten. Bei Johannes erzählt Jesu kein einziges Gleichnis, treibt keine Dämonen aus, wird nicht getauft und führt nicht das Abendmahl ein. Nur bei Johannes wird deutlich, dass Jesus der Retter und der Herr ist, die Inkarnation eines präexistenten göttlichen Wesens. Während Jesus bei Markus von Gott und dem kommenden Reich spricht (welches noch während der Lebenszeit der Jünger kommen sollte), spricht er bei Johannes praktisch nur von sich selbst. Während Matthäus Wunder als Zeichen ablehnt, begrüßt Johannes diese.

Die Geschichte mit Jesus und der Ehebrecherin in Johannes, wonach er die Ankläger mit der Aussage verschämt haben soll, wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein, ist in den ersten Manuskripten nicht enthalten und wurde später hinzugefügt.

Nach Markus stirbt Jesus morgens am Passahtag, bei Johannes am Nachmittag des Vorbereitungstags für das Passah. Johannes wollte damit wahrscheinlich zeigen, dass Jesus das Opferlamm war und starb als im Tempel die Passahlämmer geschlachtet wurden.

Nach Markus hat Jesus fast nichts bei seinem Prozess gesagt, bei Johannes hält er lange Reden. Nur bei Johannes erklärt Pilatus Jesus für unschuldig und gibt damit den Juden die volle Schuld.
Bei Markus stirbt Jesus qualvoll und im Ungewissen über den Grund seines Todes, um zu zeigen, dass Gott im Hintergrund arbeitet und letztlich Leid zu Heil wandelt, auch wenn dies im Moment nicht erkennbar ist. Bei Lukas hingegen ist er souverän und stark, immer der Gegenwart Gottes in seinem Leben gewiss.

Die 4 Evangelien widersprechen sich in fast allen Details zur Auferstehung: Wer ging zum Grab? War der Stein schon weggerollt? War dort ein Engel? Was wurde ihnen gesagt?

Von den 14 Paulus zugeschriebenen Briefen wurden nur 7 von Paulus verfasst (Römer, 1. Und 2. Korinther, Galater, Philipper, 1. Thessalonicher und Philemon), die anderen sind gefälscht. Der Jakobusbrief wurde zwar von einem Jakobus geschrieben, aber es muss nicht der Bruder Jesu gewesen sein. Und auch von der Johannesoffenbarung wissen wir nicht, wer dieser Johannes war. Der Hebräerbrief sowie die Johannesbriefe wurden anonym verfasst. Hebräer stammt mit großer Sicherheit nicht von Paulus. Und der Verfasser des ersten Petrusbriefs hat nicht den zweiten geschrieben. Beide sind vermutlich ebenso Fälschungen wie einige der Paulusbriefe.

Im ersten Evangelium (Markus) wird Jesus als reiner Mensch porträtiert, beim folgenden Lukas ist er bereits ein Halbgott und bei Johannes schließlich sogar gleichgestellt mit Gott - also eine stetige Entwicklung der Lehre über die Zeit hinweg.

Die Art der Porträtierung von Jesus, der auf wundervolle Weise gezeugt wurde, Wunder vollbrachte wie Heilungen und Totenerweckungen und nach dem Tod in den Himmel aufgefahren ist, war in der damaligen Zeit nicht ungewöhnlich (siehe Apollonius von Tyana) und entsprach der verbreiteten heidnischen Vorstellung eines Halbgottes.

Meine Top 10 Kritikpunkte an der Kirche


10. Die Kirche ist langweilig. Die meisten Themen und Ansprachen sind oberflächlich und immer und immer wieder das Gleiche. Die Leitfäden sind weichgespült. Die Abendmahlsversammlung erlaubt wenig Abwechslung vom Standardprogramm: zwei Kurzansprachen, Zwischenlied, Schlussansprache. Warum nicht mal wenigstens ein paar Trommeln und eine E-Gitarre?

9. Die Kirche fördert eine exklusive Haltung. Wir sind die einzig wahre Kirche. Wir alleine haben die Vollmacht Gottes. Wir müssen uns vor der Welt da draußen schützen, die immer schlechter wird. Obwohl Menschen in anderen Kirchen vergleichbare geistige Erlebnisse haben. Da ist es doch arrogant zu sagen, bei ihnen würde der Heilige Geist nur den Wahrheitsanteil bestätigen, bei uns aber das volle Paket. Letztlich würde der Heilige Geist somit ja Millionen von Menschen in gewisser Hinsicht in die Irre führen. Zumindest ist es heikel zu sagen, weil ich in der Kirche, im Tempel oder beim Lesen im Buch Mormon ein gutes Gefühl habe, ist gleichzeitig auch die komplette Geschichte von Joseph Smith bis Thomas S. Monson wahr (und alle problematischen Aspekte und gegenteiligen Hinweise können getrost ignoriert werden).

8. Die Kirche ist ein Konzern. Warum muss die Kirche Dutzende Unternehmen wie Versicherungen besitzen und Hunderte Millionen Dollar für ein Shopping-Center oder Millionen für eine juristische Lehranstalt ausgeben?

7. Die Kirche fördert Diskriminierung. Im Buch Mormon wird noch immer dunkle Hautfarbe als Fluch Gottes hingestellt. Und noch immer hat sich die Kirche nicht für die Diskriminierung von Schwarzen entschuldigt. Noch immer kursieren Vorstellungen, dass die Schwarzen im vorirdischen Dasein weniger glaubenstreu gewesen seien oder dass Mischehen Sünde sind. Aktuell geschieht ähnliches mit Homosexuellen. Hinzu kommt die immer noch vorherrschende Betonung des Patriarchats.

6. Die Kirche ist gegen die Wissenschaft. Die Kirche propagiert den Glauben an die Schöpfung vor rund 6.000 Jahren (LuB 77:6), einen buchstäblichen Adam als ersten Menschen (LuB 27:11), globale Flut (LuB 138:41, Alma 10:22), Sprachenverwirrung beim Turmbau zu Babel (Ehter 1:3-5), den wundersamen Auszug aus Ägypten durchs Rote Meer (LuB 8:3) usw. Und die buchstäbliche Bibelgeschichte müssen Mormonen ja noch toppen, da Adam in Amerika wohnte und so die Flut Noach von Amerika in den Nahen Osten bringen musste, wo die Jarediten dann nach dem Turmbau wieder hin zurückkehrten. Oder so einen Unsinn, dass die verlorenen 10 Stämme unter dem Nordpol leben und irgendwann daraus zurückkehren (LuB 110:11; 133:2), dass Satan das Wasser regiert und auf Handschlagsversuche reinfällt, das Licht der Sonne eigentlich von Kolob stammt und vieles mehr.

5. Die Kirche fördert Äußerlichkeiten und Konformität. Als ob es Gott interessiert, wie viele Ohrringe Frauen tragen oder wie lange der Rock ist und ob die Kotletten zu lang oder gar Bärte das Gesicht maskieren. Dadurch werden Jugendliche programmiert, andere auf Äußerlichkeiten hin zu prüfen und zu bewerten. Dies führt letztlich dazu, dass Frauenkörper primär als sexuelle Objekte gesehen werden. Und das wiederum mag eine Erklärung dafür sein, dass Utah die höchste Rate von Online-Pornografie-Nutzung in den USA hat und Salt Lake City mehr Schönheitschirurgen pro Einwohner als New York and Los Angeles (es ist nämlich okay große Brüste zu haben aber nicht ok kurze Röcke zu tragen, um anziehend zu wirken).Immer wieder wird Gehorsam eingefordert. Der Gipfel davon war ja Apostel Bednars Ansprache, wo er einen jungen Mann gratulierte, der die Verlobung auflöste, weil das Mädchen die zweiten Ohrringe nicht entfernt hatte, nachdem der Profet nur ein Paar Ohrringe als akzeptabel erklärt hatte. War für ein Irrsinn angesichts der wirklichen Probleme in der Welt!

4. Die Kirche entmutigt offene Auseinandersetzung mit kritischen Themen.Nur die allerwenigsten Mitglieder haben Interesse daran, mehr über die Geschichte ihrer Kirche herauszufinden. Das ist doch merkwürdig? Stattdessen werden unermüdlich Glaubensbekenntnisse rezitiert. So kann man Jahrzehntelang Mitglied sein, jeden Sonntag in die Kirche gehen, Seminar und Institut haben ohne den modernen Erkenntnissen der Bibelforscher etwas zu erfahren oder gar den unterschiedlichen Berichten von Joseph Smiths erster Vision. Sobald kritische Stimmen geäußert werden, droht der Gedanke des Glaubensabfalls. Alles, was nicht offiziell von der Kirche herausgegeben wird, ist suspekt und darf im Unterricht nicht verwendet werden. Bloß keine neuen Ideen aufkommen lassen oder Dinge hinterfragen. Und Zweifel sind ein Zeichen persönlicher geistiger Schwäche oder Entspringen gar dem Wunsch zu sündigen.

3. Die Kirche steht im Konflikt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten. Die nachprüfbaren Fakten hinsichtlich der Übersetzungen Joseph Smiths zeigen, dass diese nicht von alten Quellen abstammen. Die Papyri, von denen angeblich das Buch Abraham übersetzt wurde, wurden wiederentdeckt, übersetzt und haben nichts mit dem Inhalt des Buch Abrahams zu tun. Das von Joseph Smith konstruierte äqyptische Alphabet zeigt sich als Irrtum, ebenso wie seine Aussage, die Kinderhook-Platten stammten von einem äqyptischen Pharao. Und DNA-Analysen zeigen, dass die amerikanischen Indianer keine Verbindung zum Nahen Osten aufweisen, das Buch Mormon demnach bestenfalls inspirierte Fiktion ist. Plötzlich sollen die Nephiten und Lamaniten nur in einem winzigen Gebiet in Amerika gelebt haben. Wie dann allerdings der von Joseph Smith identifizierte Krieger Zelph in Nordamerika auftauchte, bleibt ein Rätsel.

2. Die Kirche offenbart nichts Neues mehr. Seit Joseph Smith haben wir eigentlich keine Offenbarung mehr von unseren Profeten, Sehern und Offenbarern erlebt. Brigham Youngs Lehren vom Beginn des Milleniums, von der Blutsühne und Adam-Gott oder der Prophezeiungen hinsichtlich der Schwarzen will man wohl kaum noch als Offenbarungen sehen. Wilford Woodruffs Erklärung zur Beendigung der Polygamie hat wenig von einer Offenbarung (man lese nur mal den Text). 1975 wurde die Vision Joseph F. Smiths von 1918 als LuB 138 aufgenommen. Allerdings steht diese im Widerspruch zu den Aussagen in den Heiligen Schriften und anderer Profeten. Denn darin heißt es, dass Christus nur die Rechtschaffenen in der Geisterwelt besucht habe. Joseph Smith und Brigham Young hatten explizit das Gegenteil behauptet. Die Aufhebung des Priestertum-Banns für Schwarze unter Spencer W. Kimball könnte man als Offenbarung verstehen. Die Erklärung zu Familie wird zwar von einigen Mitgliedern als Offenbarung gesehen, eine solche Aussage wurde jedoch aus Präsident Packers Konferenzansprache entfernt. Wirklich neue Lehren kamen seit Joseph Smiths Zeit nicht zu Tage. Und wenn man die Konferenzansprache von Gordon B. Hinckley im April 2003 zum Irakkrieg liest, vermisst man jedwede klare Aussage oder gar Kritik an der Regierung wie unter den alttestamentlichen Profeten üblich. Nichtsdestotrotz sind viele Ratschläge bei Generalkonferenzen gut, aber eigentlich hat sich die Welt seit Joseph Smith so sehr verändert wie nie zuvor; und doch gibt es nichts an neuer Offenbarung dazu. Und angesichts haufenweiser problematischer Äußerungen von Aposteln und Profeten - man denke nur an Joseph Fielding Smiths Äußerungen zur Evolution oder Ezra Taft Bensons Hasstiraden bei Generalkonferenzen gegen den Kommunismus - wird dennoch immer wieder eingetrichtert: "Folgt dem Profeten".

1. Die Kirche ist unehrlich. Die Kirche lehrt eine stark geschönte Version seiner Geschichte. Zu den unter den Teppich gekehrten Schwierigkeiten zählen (es wird natürlich nicht komplett verheimlicht siehe Joseph Smith Papers - aber sehr geschickt: wer kann sich die schon leisten und wird tausende Seiten lesen?):
  • Joseph Smith hatte zu Lebzeiten mehr als 30 Frauen, darunter viele sehr junge oder bereits verheiratete, von denen seine erste Frau Emma nur teilweise wusste.
  • Joseph Smiths Familie war intensiv in abergläubische und okkulte Praktiken involviert, wozu vielfache und teilweise absurde Visionen von Geistern, Engeln und Schätzen gehörten.
  • Joseph Smith war mitverantwortlich für die Verbrechen der Danites, die in Missouri geplündert und gemordet haben.
  • Joseph Smith hat sich als Oberhaupt des geheimen Rates der Fünfzig zum König Israels auf der Welt ausrufen lassen.
  • Joseph Smith hat die goldenen Platten nicht für die Übersetzung verwendet, sondern sein Gesicht in einem Hut verborgen, worin sich ein Seherstein befand, den er Jahre zuvor in einem Brunnen gefunden hatte.
  • Joseph Smith hat die Erscheinungen von Moroni und Johannes dem Täufer zunächst als Visionen bzw. Träume beschrieben und erst später als physische Ereignisse. Ebenso gaben Zeugen des Buch Mormons zu, die Platten nur mit ihrem geistigen Augen gesehen zu haben.
  • Joseph Smith hat das Freimaurertum als göttlichen Ursprungs gesehen und daher nahezu alle Mitglieder in Nauvoo zu Freimaurern werden lassen. Und davon große Teile der Tempelzeremonie entnommen.
  • Der Rat der Zwölf hatte eigentlich keine Vollmacht über die organisierten Pfähle der Kirche und somit auch die Ältesten. Daher machte Brigham Young nach Joseph Smiths Tod kurzerhand alle 2.000 Älteste zu Siebzigern.
  • Joseph Smith und Brigham Young lehrten das Prinzip der Blutsühne, wonach das Sühnopfer für bestimmte Sünden nicht ausreiche und sie daher getötet werden müssten. Dies wurde in Utah vielfach praktiziert.
  • Joseph Smith hat Alkohol getrunken, eine Bar unterhalten und sogar noch in Carthage kurz vor seiner Ermordung eine Flasche Wein geteilt.
  • Brigham Young ließ im Tempel jahrelang im Anschluss an die Begabung lehren, dass Gott Vater und Adam die gleiche Person sei.
  • Brigham Young erklärte Sklaverei als göttliches Prinzip, legalisierte Sklaverei in Utah und hielt selber Sklaven.
  • Wichtige Tempelpraktiken wie die zweite Salbung werden nicht mehr praktiziert oder wurden in erheblichem Umfang verändert. Nur Wenigen ist bewusst, dass gewisse Handzeichen noch daran erinnern, dass ursprünglich geschworen wurde, dass man sich den Hals von Ohr zu Ohr durch- oder die Gedärme rausschneiden würde.
  • Und vieles, vieles mehr.

Wie alles begann

Zu den Grundpfeilern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage / Mormonen, die verschönt, vereinfacht und mythologisiert dargestellt werden, gehören:
  • Joseph Smiths Erste Vision
  • Erscheinung Moronis
  • Übersetzung des Buches Mormon von den Goldenen Platten
  • Übertragung von Priestertumsvollmacht durch Johannes den Täufer sowie Petrus, Jakobus und Johannes

Joseph Smiths Erste Vision

1830 erstes kurzes Statement jetzt in LuB 20:5, „dass er Vergebung seiner Sünden empfangen hatte“.

1832 erster Bericht Joseph Smiths:
„…Ich schrie zum Herrn um Gnade, denn es gab niemanden anderen, an den ich mich wenden konnte, um Gnade zu erlangen, und der Herr hörte meine Schreie in der Wildnis, und während ich so den Herrn in meinem 16. Lebensjahr anrief, kam von oben eine Säule aus Licht, heller als die Mittagssonne, und ruhte auf mir und ich wurde mit dem Geist Gottes erfüllt und der Herr öffnete mir die Himmel und ich sah den Herrn und er sprach zu mir und sagte: Joseph, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben, gehe deines Weges, wandle in meinem Gesetz und halte meine Gebote. Wahrlich, ich bin der Herr der Herrlichkeit, ich wurde für die Welt gekreuzigt, damit alle, die an meinen Namen glauben, ewiges Leben haben mögen. Siehe, die Welt liegt jetzt in Sünde und nicht einer tut Gutes, sie haben sich vom Evangelium abgewandt und halten meine Gebote nicht, sie nähern sich mir mit ihren Lippen, aber ihre Herzen sind weit von mir und mein Zorn ist gegen die Einwohner der Erde entbrannt, ich werde sie wegen ihrer Gottlosigkeit heimsuchen und das zustande bringen, was ich durch den Mund der Propheten und Apostel gesprochen habe. Wahrlich, ich komme schnell, wie es von mir geschrieben steht, in einer Wolke, umhüllt von der Herrlichkeit meines Vaters. Und meine Seele war mit Liebe erfüllt und viele Tage lang konnte ich mit großer Freude jubeln und der Herr war mit mir. Aber ich konnte niemanden finden, der die himmlische Vision glauben wollte.“

Was hieraus hervorgeht ist:
  • Joseph sah die Erscheinung als persönliche Bekehrung und nicht als Berufung zu irgendeinem Werk.
  • Josephs Motivation war, Vergebung für seine Sünden zu erlangen und nicht herauszufinden, welche Kirche richtig sei.
  • Joseph berichtet von der Erscheinung des Herrn und nicht von Gott Vater und Sohn.

Drei Jahre später hatte sich seine Geschichte schon leicht geändert:
"Verwirrt in meinem Geist in Bezug auf den Gegenstand der Religion und die verschiedenen Systeme betrachtend, die den Kindern der Menschen gelehrt werden, wusste ich nicht, wer Recht hatte oder Unrecht hatte und ich hielt es von höchster Wichtigkeit, dass ich Recht habe in Angelegenheiten, die von ewigen Auswirkungen sind. Da ich so ratlos war, zog ich mich in den stillen Hain zurück und neigte mich nieder vor dem Herrn ... Ich rief den Herrn zum ersten Mal an dem oben genannten Ort an oder in anderen Worten ich machte einen vergeblichen Versuch zu beten ... Ich rief den Herrn in machtvollem Gebet an, als eine Feuersäule über meinem Kopf erschien, sie sank auf mich herab und erfüllte mich mit unaussprechlicher Freude, eine Person erschien in der Mitte dieser Flammensäule, die rundum verteilt war, und doch nichts versenkte, ein anderer Person erschien bald wie die erste, sie sprach zu mir: „Deine Sünden sind dir vergeben“. Er bezeugte, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist; und ich sah viele Engel in dieser Vision. Ich war ungefähr 14 Jahre alt, als ich diese erste Mitteilung erhielt. Als ich etwa 17 Jahre alt war, sah ich eine weitere Engelsvision in der Nacht, nachdem ich mich ins Bett zurückgezogen hatte..."

Die wichtigsten Inhalte:
  • Verwirrt über Religion  
  • Alter 14 (1820)  
  • Vision von zwei unidentifizierten Personen
  • Der Sprecher war weder Jesus noch Gott Vater, da er von Jesus als Sohn Gottes Zeugnis ablegte (beides als dritte Personen) 
  • Sah viele Engel
  • Ihm wurde gesagt, seine Sünden seien vergeben
  • Mit 17 hatte er eine weitere Vision

Spielte sich die Vision zunächst  in Josephs Geist ab, wurde die Vision nun schon viel realer als wirkliche Erscheinung dargestellt.

1838 verfasst Joseph Smith eine neue Version, die jetzt offiziell als Joseph Smiths Lebensgeschichte gilt. Darin wird die Erste Vision umgedeutet, spektakulärer dargestellt und in Beziehung zu religiösen Erweckungsbewegungen in der Gegend gesetzt. Da das Erlebnis nicht wirklich außergewöhnlich und als rein persönlich gesehen wurde, spielte die Erste Vision in der Kirche vor 1838 keine Rolle. Wie LuB 20:6-11 zeigt, wird Joseph Smiths Autorität und Beginn seiner Berufung auf das Erscheinen Moronis und die Übersetzung des Buches Mormon zurückgeführt.

Was hatte sich also 1838 verändert?

Ende 1837 bis April 1838 fand ein dramatischer Abfall von der Kirche statt (rund 15% verließen die Kirche), da die Kirtland Bank zusammengebrochen und Martin Harris verkündet hatte, keiner der Zeugen des Buches Mormon habe die Platten mit seinen natürlichen Augen gesehen. Unter diesen Umständen wurde zunächst die Kirche umbenannt und am darauf folgenden Tag begann Joseph Smith, seine Geschichte neu zu diktieren, wie es dort heißt „Infolge der vielen Gerüchte, die von übelgesinnten und hinterhältigen Leuten über Entstehung und Fortschritt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Umlauf gesetzt worden sind und die alle von ihren Urhebern ersonnen worden sind, um der Kirche als solcher und ihrem Fortschritt in der Welt entgegenzuwirken.“

Übertragung der Priestertumsvollmacht

Ein ähnliches Phänomen wie hinsichtlich der Ersten Vision lässt sich bei den Berichten zum Erscheinen Johannes des Täufers sowie von Petrus, Jakobus und Johannes zur Übertragung von Priestertumsvollmacht erkennen: Was als spirituelles Erlebnis begann, wurde später eindrucksvoller und als reales Erscheinen ausgegeben. Vor 1834 wurde nur davon gesprochen, dass Joseph und Oliver das Gebot und die Vollmacht zur Taufe durch den Urim und Thummim während der Übersetzung von 3. Nephi aus dem Buch Mormon erhielten. Die Vollmacht zur Ordinierung als Älteste soll im Hause Whitmer durch die Stimme des Herrn erteilt worden sein. 1834 spricht Oliver Cowdery dann plötzlich davon, dass sie das Priestertum durch Engel erhalten hätten, während sie eine Vision hatten. Genauso hätten sie am Flußufer Satan als Engel des Lichts gesehen und Michael, der ihn vertrieben hat. Und schließlich wurde es als physisches Erscheinen von Engeln mit Händeauflegen erklärt.

Was war wiederum der Grund für den Wandel?

Ende 1833 hatten im Zusammenhang mit dem Misserfolg des Zions-Camps mehrere Mitglieder die Vollmacht Joseph Smith öffentlich angezweifelt und Untersuchungen hinsichtlich der Vergangenheit Joseph Smiths als Schatzsucher gestartet. Folglich wurden die dazugehörigen Verse in LuB 27:8 und LuB 7 nachträglich hinzugefügt, denn in der Ausgabe von 1833 waren sie noch nicht enthalten.

Die Zeugen der Goldenen Platten

Auch das Zeugnis der 11 Zeugen im Hinblick auf die Goldenen Platten ist nicht so buchstäblich zu verstehen, wie es dargestellt wird. Alle 11 Zeugen teilten eine magische, aus heutiger Sicht abergläubische Weltsicht mit Hexen, Geistern, magischen Ritualen, Amuletten, Flüchen usw. Martin Harris hat auch bezeugt, bei einer Schatzsuche 1827 eine Schatzkiste mit Porter Rockwell zusammen gefunden zu haben, die durch unsichtbare Mächte wieder ins Erdreich hinabgleitete. Mit Hilfe von Sehersteinen wurden derartige Schätze und ihre Schutzgeister angeblich in den Hügeln gesichtet. An Ort und Stelle wurden dann magische Kreise mit speziellen Dolchen um die vermeintlichen Fundorte gezogen und mit durch Hühnerblut oder Schweinekot getränkte Stöcke abgesichert, so dass die wachenden Geister diese nicht entfernen könnten. Genauso glaubte Oliver Cowdery, durch Wünschelruten ebenfalls Geheimnisse lüften zu können. Zusammen mit David Whitmer hatten sie angeblich einen Nephiten mit Aufzeichnungen herumlaufen sehen. Ebenso besaß Hiram Page Sehersteine. David Whitmer behauptete noch in den 1870er Jahren, sein Enkel könne Schätze in Höhlen sehen sowie am Nordpol Riesen und am Südpol Lilliputaner. Kurzum alle Zeugen glaubten an Hellsehen und das zweite Gesicht und hatten diverse angebliche Erfahrungen mit Indianer- und Piratengeistern, Engeln und unterirdischen Schatzkammern mit Büchern und Schätzen. Angeblich konnten sie im Hügel Cumorah Wagenladungen voll mit Aufzeichnungen und Gold sehen. Das haben Heber C. Kimball und Brigham Young bestätigt. Und auch William W. Phelps erzählt davon, dass Joseph, Hyrum, Oliver Cowdery und die Whitmers zum Hügel Cumorah liefen, sich eine Tür öffnete und sie in einen Raum traten mit den Goldenen Platten, dem Schwert Labans usw. David Whitmer spricht davon, dass sie im Geist Dinge sehen konnten als seien sie tatsächlich da. So konnte auch James Strang nach dem Tod Joseph Smiths sieben Zeugen finden, die bestätigten, dass er genau wie Joseph Platten gefunden hatte (als Buch des Gesetzes des Herrn angeblich übersetzt). Zunächst konnte er auch mehrere der Zeugen des Buch Mormons als Anhänger gewinnen.

Dies zeigt, dass man die Zeugenaussagen mit Vorsicht betrachten und die abergläubische Weltanschauung der Zeugen berücksichtigen muss.

Als sich die Anhängerschaft Joseph Smiths über seine Schatzsucher-Gruppe hinaus ausweitete, wurden die magischen Anfänge und Hinweise mehr und mehr zurückgedrängt und nachträglich entfernt. So wurde beispielsweise aus der Offenbarung an Oliver Cowdery hinsichtlich seiner göttlichen Gabe die Worte bzgl. Wünschelruten entfernt.

Übersetzung des Buch Mormons

Der Aberglaube von Joseph Smith und seiner Familie zeigt sich auch im Bericht vom Erlangen der Goldenen Platten. Joseph Smith war so eine Art Hellseher der Gegend und leitete die Schatzsuch-Expeditionen an, wurde jedoch auch bei verlorenen Pferden usw. konsultiert.  Die Erscheinung Moronis und der Bericht von verborgenen Aufzeichnungen war keine Überraschung. Joseph Smith hatte mit seinem Seherstein im Hut ständig Visionen und Träume von verborgenen Schätzen. Und nach Auskunft Oliver Cowderys hatte Joseph Smith am 21. September 1823 intensiv versucht, mit einem überirdischen Wesen in Kontakt zu treten. Warum erinnerte er sich so genau an das Datum? Weil Datum und Uhrzeit eine besondere astrologische und magische Bedeutung hatten. Die weiteren Erlebnisse passen genau in das magische Schatzsucher-Schema:
  • 3 Besuche waren ein Zeichen für die Wichtigkeit und Realität.
  • Um den Schatz zu erlangen, mussten die Regeln genau beachtet werden.
  • 3 Versuche, um den Schatz zu erlangen mit Einjahres-Bewährung.
  • Richtige Begleitung notwendig, um Schatz zu erlangen (erst Alvin, dann Emma – als Alvin Tod war, gab es sogar Gerüchte, die Smiths hätten seine Leiche geschändet, um dadurch den Schatz bergen zu können, was Joseph Smith Sr. in mehreren Zeitungsinseraten bestritt)
  • Richtige Kleidung notwendig (schwarzer Anzug und Pferd).
  • Richtiger astrologischer Zeitpunkt.
  • Die Aufzeichnungen/Schätze werden von Geistern bewacht, die sie ursprünglich vergraben haben (übrigens wurde Moroni als der Engel von 1823 erst 1835 identifiziert - vorher hatte er keinen Namen - und 1838 hat Joseph Smith erklärt, es sei Nephi gewesen).
Nach dem angeblichen Erlangen der Goldenen Platten begann die Verfolgung Joseph Smiths nicht wegen der Behauptung an sich, sondern weil er den ‚Schatz‘ nicht mit seinen früheren Schatzsucher-Kumpanen teilen wollte. Die Übersetzung selber erfolgte mit dem gleichen Seherstein, den Joseph zuvor für die Schatzsuche verwendet hatte, indem er diesen in einen Hut legte, sein Gesicht darin verbarg und dann diktierte. Die Platten selber hat er für die ‚Übersetzung‘ nicht verwendet.

Man sieht also, dass die Ursprünge der Kirche einen magischen Hintergrund haben. So wurde auch die Kirche nicht etwa an einem Sonntag, sondern einem speziellen astrologisch günstigen Dienstag gegründet. Für die ersten Mitglieder der Kirche vermischte sich Traum, Vision und Realität sowie Astrologie, Magie und Religion. Neben der intensiven Mitwirkung an magischen Ritualen und Praktiken war Joseph Smith auch intensiv an der Erweckungsbewegung beteiligt und diente als ‚Ermahner‘ bei den Methodisten.

Ist das Buch Mormon die Übersetzung eines alten Dokuments oder das Produkt Joseph Smiths?

Viele Fachleute sind sich einig: das Buch Mormon ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Dies insbesondere aus folgenden Gründen:

1. Widersprüche zu archäologischen Funden und Erkenntnissen über die vorkolumbischen amerikanischen Kulturen
  • Keinerlei Hinweise Pferde und Wagen
  • Keine domestizierten Tiere wie die genannten Schafe, Schweine, Rinder (ganz zu schweigen von den erwähnten Elefanten)
  • Keinerlei Hinweise auf Weizen und Gerste
  • In Mesoamerika gab es keine Metallverarbeitung und somit auch keine Schwerter aus Stahl
  • Wein- und Olivenölherstellung war unbekannt (mit dem Gleichnis vom Ölbaum hätte niemand etwas anfangen können)
  • Münzen gab es nicht
  • Keinerlei Hinweise auf hebräischen und ägyptische Sprache
  • Unrealistische Bevölkerungszahlen
  • Unrealistische Zahlen hinsichtlich Truppenstärken (vor Schusswaffen und modernen Logistikmöglichkeiten nie mehr als ein paar Hundert Soldaten in Schlachten)
  • DNA-Analysen zeigen keine semitische Herkunft von Indianerstämmen und Besiedlung vor rund 16 Tausend Jahren
  • Plötzliche Hautpigmentänderung der Lamaniten
2. Verwendung von Phrasen und Zitaten aus der King James Version der Bibel
  • In Moroni 7 findet man die berühmten Worte des Paulus aus 1. Korinther 13
  • Hunderte von Ausdrücken aus der King James Version der Bibel finden sich wieder
  • Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Jesus die Bergpredigt auf dem amerikanischen Kontinent so wiedergegeben hat, wie sie in Matthäus 5-7 zu finden ist
  • Das Buch Mormon zitiert 433 Verse aus Jesaja, darunter Teile, die erst in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft entstanden sind – also nachdem Nephi und Lehi längst in Amerika waren
3. Christologie und Theologie des 19. Jahrhunderts
  • Fast wortwörtliche Übereinstimmung zwischen dem Westminster Bekenntnis der Presbyterianischen Kirche von 1729 und Alma 40
  • Mosia und Alma ist voll von der Erweckungs-Rhetorik der 1820er Jahre - bspw. die Rede König Benjamins mit Turm, Predigt von der Nichtigkeit des Menschen bis hin zum Umfallen bei der Bekehrung (diese Rhetorik hatte großen Erfolg in der Bekehrung von Menschen damals und ist eine Erklärung dafür, dass sie uns auch heute anspricht und Christus näher bringt)
  • Theologische Fragen des 19. Jahrhunderts zur Errettung werden adressiert
  • Im Alten Testament unbekannte Lehren über Christus, Auferstehung usw. werden gelehrt
Hätte Joseph Smith das Buch Mormon selbst schreiben können?

Seine Mutter, Lucy Mack Smith, erzählte einmal folgende Geschichte über ihren 18-jährigen Sohn Joseph: „Während unserer abendlichen Unterhaltungen beschrieb Joseph die alten Bewohner dieses Kontinents, deren Kleidung, Art und Weise der Fortbewegung und die Tiere, auf denen sie ritten; deren Städte, Gebäude und dies mit großer Genauigkeit; deren Art der Kriegsführung und auch deren religiöse Verehrung. Dies tat er mit solcher Leichtigkeit, als ob er sein ganzes Leben unter ihnen verbracht hätte.“

Dies war im Jahre 1823, also lange bevor Joseph Smith mit der Übersetzung des Buches Mormon begonnen hatte.

Woher hatte er damals eine Vorstellung vom Leben der alten Indianer?

Nun, zunächst muss man wissen, dass Joseph zwar wenig gebildet aber dafür intelligent war und einiges an Phantasie hatte. Weiterhin gab es zu dieser Zeit eine allgemeine Auffassung über die Herkunft und Lebensweise dieser Menschen, die in etlichen Büchern zu finden war. Viele dieser Bücher waren Joseph Smith bekannt oder zumindest zugänglich. Es ist falsch anzunehmen, dass die Ideen um das Buch Mormon neu oder einzigartig waren. Viele der Bücher dieser Zeit sprachen davon, dass die verlorenen zehn Stämmen die Vorfahren der Indianer seien. Sie berichteten von zwei sich rivalisierenden Gruppen, einer weißen Gruppe, die durch Krieg vernichtet wurde usw.

So unglaublich es für viele Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage / Mormonen klingen mag, aber auch ein Präsident der Siebziger und einer der größten Gelehrten und Historiker der Kirche, B.H. Roberts, kam zur Auffassung, dass Joseph Smith Themen für das Buch Mormon aus anderen Büchern der damaligen Zeit entlehnt haben könnte.
Nachdem Roberts das Buch View of the Hebrews von Ethan Smith studiert hatte, welches 1825 publiziert wurde, zeigte er 18 Parallelen zwischen diesem und dem Buch Mormon auf und schrieb:
„Ein weiteres Thema bleibt hier noch zur Betrachtung übrig… - besaß Joseph Smith eine ausreichend lebhaftes und kreatives Vorstellungsvermögen, um aus solchem Material, wie in den vorangegangenen Kapiteln aufgezeigt, das Buch Mormon zu schreiben…. Dass solche Vorstellungskraft von einer höheren Ordnung stammt wird hier zugestanden und es besteht kein Zweifel, dass Joseph Smith einen solch begabten Kopf besaß…..
Im Licht dieser Beweise kann es keinen Zweifel geben, dass Joseph Smith, der Prophet, im Besitz einer solchen lebhaften, starken und kreativen Vorstellungskraft war. Eine Vorstellungskraft die es ihm ermöglichen würde - mit den Vorstellungen, die im ‘Allgemeinwissen’ über anerkanntes amerikanisches Altertum der damaligen Zeit gefunden wurden, unterstützt durch ein Werk, wie Ethan Smiths View of the Hebrews - ein Buch wie das Buch Mormon zu entwerfen.”

Parallelen zwischen dem Buch Mormon und View of the Hebrews:
  • Dieselbe Herkunft: Die Indianer sind wirklich Israeliten
  • Dieselben Merkmale: Die Indianer waren einst sachkundig in Literatur, Kultur und Religion
  • Die selbe Hervorhebung: Jesaja und die Wiederherstellung Israels
  • Dieselbe Ansicht: Die Amerikaner sind prophetisch berufen, den Indianern das Evangelium zu predigen.
  • Dieselbe Einwanderungsroute: Eine lange Reise nordwärts, finden „Viele Wasser” (Jarediten).
  • Dasselbe Schicksal: Eine Teilung in zivilisierte und barbarische Gruppen. Die Zivilisierten werden schließlich vernichtet.
  • Dieselbe Kultur: Die Ureinwohner Amerikas sollen Menschen der Eisenzeit gewesen sein.
  • Dieselbe Herkunft: Alle Rassen stammen von einer Familie. Alle Sprachen entstammen dem Hebräischen.
  • Dieselbe Religion: Die Vorfahren der Indianer dienten dem Großen Geist aber verfielen dann in Götzendienst.
  • Dieselben Schriften: Ein „verlorenes Buch Gottes”, welches in einem indianischen „Hügel” vergraben wurde.
  • Dieselben Einrichtungen: Militärische und heilige Türme. Von der Monarchie zur republikanischen Regierung.
  • Dasselbe Christentum: Das Evangelium und Christus waren im alten Amerika bekannt.
War Joseph Smith ein Betrüger oder handelt es sich um „inspirierte Fiktion“?

Auch in der Bibel - sowohl im Alten als  auch Neuen Testament - besteht das Problem der Existenz so genannter pseudonymer bzw. pseudographischer Schriften und damit die Frage nach der Authentizität und Wahrheit biblischer Schriften bzw. deren göttliche Inspiration.

Die heutige Bibelforschung nimmt an, dass einige biblische Bücher oder Teile davon, fälschlicherweise den genannten Verfassern zugeschrieben werden. Das heißt, unbekannte Autoren haben die ‚großen‘ Namen wie Mose & Co. genutzt, damit ihre Lehren Beachtung finden. Beispielsweise werden im Alten Testament viele Psalmen, die König David zugeschrieben werden, Deuteronomium sowie das Buch Daniel als Pseudepigraphien gewertet; im Neuen Testament werden manche Briefe aufgrund der im Text angegeben Verfasserangaben zu den Pseudepigraphen gezählt, wie beispielsweise der Kolosserbrief, der angibt, vom Apostel Paulus verfasst worden zu sein. Andere Beispiele sind der Brief des Jakobus, der Judasbrief u.a.

Pseudographie heißt jedoch nicht einfach boshafte Fälschung, um Leser zu täuschen. Man spricht daher bei der religiösen Pseudonymität mitunter von echter religiöser Pseudepigraphie, wenn deren Texte nicht mit einer Täuschungsabsicht entstanden sind. Der Verfasser glaubt, in einem inspirierten mythisch-religiösen Erleben die Worte des Geistes Gottes zu schreiben. Das Erlebnis der Inspiration ist ein legitimer Grund für die Herstellung von Fälschungen: der Schreiber erhält in einer Entrückung, Vision oder Audition einen besonderen Auftrag. Diese Vorstellung ist allerdings schwer mit der Verurteilung von Lüge und Identifikation von Gott mit Wahrheit in Harmonie zu bringen.

Allerdings können Lehren und Geschichten unabhängig von ihrer Historizität einen Wert haben. Beispiel hierfür sind die Gleichnisse und Erzählungen Jesu. So hat die Geschichte vom barmherzigen Samariter einen hohen Wert, auch wenn die Geschichte rein fiktiv also nicht tatsächlich passiert ist. In diesem Fall ist es auch keine Irreführung.

Genauso kann das Buch Mormon wertvoll sein, auch wenn es keinen historischen Nephi und Alma gegeben hat. Voraussetzung wäre jedoch, dass man aufhört, so zu tun, als seien die dort beschriebenen Geschichten tatsächlich geschehen und nicht erst im 19. Jahrhundert im Kopf von Joseph Smith (unter göttlicher Inspiration?) entstanden.

Wenn wir die Geschichten von der Ersten Vision, den Goldenen Platten, der Priestertumswiederherstellung, der Erscheinung Elijahs oder der Initiierung der Mehrehe oder der Tempelverordnungen im Lichte Joseph Smiths Hintergrund als Hellseher und Erweckungsprediger betrachten, kristallisiert sich ein Muster heraus: Joseph Smith hatte ein besonderes Talent bzw. Einbildungskraft, aus seiner Umgebung heraus vorhandene Inhalte als neue "Offenbarungen" zu verpacken bzw. diese so zu erleben. So konnte er ein Skelett beim Zions-Camp als Lamamiten Zelph identifizieren, ein Mäuerchen in Missouri als Opferaltar von Adam, aus der Mäßigungsbewegung das "Wort der Weisheit" machen oder aus dem Freimaurertum die Tempelzeremonien. Und beim Buch Abraham aus der Köstlichen Perle ja ähnlich. Teile des angeblich zugrunde liegenden Pergaments wurden wiedergefunden und von Ägyptologen untersucht. Ergebnis: Hat nichts mit Abraham zu tun und stammt auch nicht aus seiner Zeit. Zufällig hatte Joseph Smith kurz vorher Hebräischunterricht genommen. Und zufälligerweise lassen sich diverse Parallelen darauf zurückführen.

Letztlich erweisen sich Übersetzungsarbeiten Joseph Smiths, für die es nachprüfbare Belege gibt, als äußerst fraglich:
  • Buch Abraham (Teile der Papyrus-Rollen sind wieder aufgetaucht und wurden von Ägyptologen übersetzt; die Texte haben nichts mit dem Inhalt vom Buch Abraham zu tun und stammen auch nicht aus seiner Zeit; es gibt zwei Erklärungsversuche: (1) der übersetzte Teil befand sich nicht auf den wiedergefundenen Teilen oder (2) die Rollen dienten lediglich als Inspirationsquelle und das Buch Abraham wurde offenbart statt übersetzt; (1) macht keinen Sinn, da eines der Faksimiles wiedergefunden wurde und ebenso eine andere Bedeutung hat; (2) macht keinen Sinn, da wiederum die Faksimiles ja "übersetzt" wurden und Joseph im Manuskript die Bedeutung von einzelnen Hierogryphen beschrieben hat, also sich klar auf die Zeichen auf den Rollen bezogen hat)
  • Kinderhook Plates (obwohl um 1980 als Fälschungen bewiesen stammten sie laut Joseph Smith von einem Nachfahren des ägyptischen Pharaos aus dem Stamm Ham)
  • Anthon Manuskript
  • Joseph Smiths ägyptisches Alphabet
... und sein größtes Übersetzungswerk als höchstwahrscheinlich nicht altertümlich.

Bleibt nur die Frage, ob es reine Fantasie war oder göttlich inspirierte kreative Verarbeitung vorhandener Quellen und Ideen. Vieles spricht weniger für Inspiration als für Imagination mit Schriftstellen durchsetzt. Und ein wenig Schwindel war angesichts der nachträglich frisierten Geschichten wohl auch dabei.

Lehre und Bündnisse 132 Teil 1: Polygamie, Polyandrie, Vielehe



In der Einleitung zu LuB 132 heißt es:

„Offenbarung, gegeben durch Joseph Smith, den Propheten, zu Nauvoo, Illinois, aufgezeichnet am 12. Juli 1843; sie bezieht sich auf den neuen und immerwährenden Bund einschließlich der ewigen Natur des Ehebundes und auch einer Mehrzahl von Ehefrauen (History of the Church , 5:501–507). Obwohl die Offenbarung 1843 aufgezeichnet wurde, ergibt sich aus den geschichtlichen Aufzeichnungen, daß die in dieser Offenbarung enthaltenen Lehren und Grundsätze dem Propheten seit 1831 bekannt gewesen waren.“

Schon aus der Einleitung ergeben sich 3 kritische Aspekte:

Erstens: Handelte es sich wirklich um eine klassische „Offenbarung“? Wie ist Abschnitt 132 zustande gekommen? 1843 als Joseph Smith heimlich zig Frauen heiratete und Emma nicht begeistert darüber war (wobei sie nur von wenigen der Heiraten etwas mitbekam), schlug Hyrum seinem Bruder Joseph vor, für Emma hierzu eine Offenbarung durch den Urim und Thummim zu erlangen, um sie für den Grundsatz der Vielehe zu gewinnen. Joseph meinte aber, er bräuchte hierzu keine spezielle Offenbarung und hätte das schon alles parat. Daraufhin diktierte er seinem Schreiber (ohne Urim und Thummim) den in Abschnitt 132 enthaltenen Inhalt (wobei nach Aussage von William Law die theologische Einleitung später hinzugefügt wurde). Hiermit ging Hyrum dann zu Emma und sagte später über Emmas Reaktion, er sei noch nie von jemandem so zusammengestaucht worden wie von Emma.

Zweitens: Der Ausdruck „sie bezieht sich auf den neuen und immerwährenden Bund einschließlich der ewigen Natur des Ehebundes und auch einer Mehrzahl von Ehefrauen“ reflektiert die neuere Interpretation des Abschnitts, täuscht aber darüber hinweg, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts der neue und immerwährende Bund mit der Mehrehe gleichgesetzt war. Hätte man 1860 ein Mitglied gefragt, was der neue und immerwährende Bund sei, hätte dieses mit Sicherheit geantwortet: das Prinzip der Polygamie. Heute hingegen wird behauptet, die Verse 3-33 würden sich auf die ewige Ehe beziehen und nur die Verse 1-2 und ab Vers 34 mit der Mehrehe. Dies widerspricht dem ursprünglichen Verständnis und auch dem Beweggrund für die „Offenbarung“. Der Abschnitt wurde übrigens erst 1876 dem Buch Lehre und Bündnisse hinzugefügt, als die Kirche wegen der Vielehe unter Beschuss war, sich aber auf die Religionsfreiheit bei der Praxis berief. Nun gab es in den Schriften nichts, worauf die Kirche sich dabei stützen konnte. Also musste das Prinzip der Vielehe als Lehre in die Heiligen Schriften der Kirche reingebracht werden. Und im gleichen Atemzug wurde dann noch die Passage aus Abschnitt 101 herausgenommen, die da lautete: „Da die Kirche der Sünde der Unzucht und Polygamie beschuldigt worden ist, bestätige ich hiermit, dass ein Mann ein Frau haben sollte und eine Frau nur einen Mann, außer im Todesfall, wenn es beiden freisteht wieder zu heiraten." Dies war Teil der systematischen Leugnung der Polygamie in der Kirche unter Joseph Smith. Diese musste nun also „korrigiert“ werden, um sich auf die Religionsfreiheit berufen zu können.

Drittens: Was sind die Anhaltspunkte dafür, dass die enthaltenen Lehren und Grundsätze schon seit 1831 bekannt gewesen waren? Nun, zu dem Zeitpunkt hatten Emma und Oliver Cowdery Joseph in einer Scheune gesehen, wie er intim mit dem Hausmädchen der Smiths, Fanny Alger, war. Dies wird von einigen Kirchenhistorikern als erste Mehrehe Jospehs gesehen. Oliver Cowdery hingegen betrachtete dies als „dreckige Affäre“.

Den wenigsten Mitgliedern ist bewusst, dass Vers 1 in fundamentalem Widerspruch zum Buch Mormon steht (auch wenn das mosaische Gesetz im AT durchaus Nebenfrauen erlaubte):
Wahrlich, so spricht der Herr zu dir, mein Knecht Joseph: Da du von meiner Hand erfragt hast und wissen und verstehen willst, inwiefern ich, der Herr, meine Knechte Abraham, Isaak und Jakob gerechtfertigt habe, und auch Mose, David und Salomo, meine Knechte, was den Grundsatz und die Lehre betrifft, daß sie viele Frauen und Nebenfrauen gehabt haben—siehe, ja, siehe, ich bin der Herr, dein Gott, und werde dir, was diese Sache betrifft, Antwort geben.

So heißt es in Jakob 2:24:
Siehe, David und Salomo hatten wahrhaftig viele Frauen und Nebenfrauen, und das war ein Greuel vor mir, spricht der Herr.

Es war also ein Greuel vor dem Herrn und nicht etwa gerechtfertigt. Dies zeigt, dass Joseph Smith sich nach der Veröffentlichung des Buch Mormons kaum noch mit dessen Inhalt beschäftigt hat. So gibt es in seinen Reden kaum Zitate aus dem Buch Mormon.
In Jakob 2:30 findet sich bekanntlich auch folgende Ausnahmeregel:
Denn wenn ich, spricht der Herr der Heerscharen, mir Nachkommen erwecken will, so werde ich es meinem Volk gebieten; sonst aber soll es auf dies alles hören.

Allerdings traf diese nicht auf David und Salomo zu. Insofern ist die Aussage von LuB 132:1 im Widerspruch zu Jakob 2:24 unabhängig von Vers 30. Inwiefern die Ausnahmeregel von Vers 30 auf Joseph Smith zutreffen könnte ist strittig, schließlich hat er ja viele Frauen geheiratet, die schon verheiratet waren, und mit den anderen hat er wohl Nächte verbracht, aber keine Kinder gezeugt – zumindest waren Gentests mit möglichen Kandidaten bislang negativ. Insofern führten Joseph Smiths Mehrehen nicht dazu, dass Nachkommen erweckt wurden.

Übrigens hatten viele in der Kirche die Hoffnung, dass Joseph Smiths erstgeborener Sohn im Bund – David – später die Führung der Kirche übernehmen würde. Er hatte von seinem Vater entsprechende Verheißungen erhalten. Allerdings wurde er als Erwachsener in ein Irrenhaus eingeliefert und verbrachte dort den Rest seines Lebens.

Ein weiteres Problem findet sich in Vers 7. Hier wird klargestellt, dass nur Joseph Smith die Siegelungsvollmacht besitzt und auch immer nur einen geben wird, der diese Macht innehat. Mittlerweile hingegen gibt es in jedem Tempel etliche Männer, denen diese Macht übertragen wurde, auch wenn sie nicht die Schlüssel tragen (wobei auch diese mittlerweile nicht nur der Präsident, sondern auch die Zwölf Apostel besitzen sollen).

Das Beste ist jedoch Vers 8, wo es heißt:
Siehe, mein Haus ist ein Haus der Ordnung, spricht der Herr, Gott, und nicht ein Haus der Verwirrung.
In Bezug auf kein anderes Prinzip oder Lehre gibt es vermutlich so viel Konfusion wie die Vielehe. Die Kirche hat noch immer keine klare Stellung dazu bezogen, ob die Vielehe zu späterer Zeit oder im Himmel praktiziert werden wird. Oder ob die Vielehe wirklich vom Herrn geboten und korrekt praktiziert wurde. Es gibt nur die Aussage aus der Amtlichen Erklärung 1:
Da nun der Kongreß Gesetze erlassen hat, die die Vielehe verbieten, und da das höchste Appellationsgericht diese Gesetze als verfassungsgemäß bezeichnet hat, erkläre ich hiermit meine Absicht, mich diesen Gesetzen zu fügen und bei den Mitgliedern der Kirche, deren Präsident ich bin, meinen Einfluß geltend zu machen, daß sie es auch tun.

Vers 16 stellt in Frage, warum heutzutage Siegelungen für Verstorbene durchgeführt werden. Schließlich können laut Vers 16 Tote nicht verheiratet werden. So begannen Siegelungen für Verstorbene oder an Verstorbene auch erst nach Joseph Smiths Tod. Der Hammer ist die Aussage, dass Alleinstehende dann – obwohl fürs celestiale Reich qualifiziert – nur mehr dienende Knechte sein können. Da geht es denen im terrestrialen Reich vermutlich besser. Dies macht auch Joseph Smiths Verklärung des Mittelalters deutlich, denn er sah offensichtlich den Himmel als Zustand, wie sie Adlige im Mittelalter erlebt haben mit Thronen, Reichen und Mächten sowie eben Knechten. Gärtner, Koch und Wäschefrau wären schon toll, aber braucht man die wirklich als Götter, wenn man den Elementen befehlen kann. Oder kann man nur Berge verrücken? Wobei es ja nicht einmal Berge gibt, denn die Erde wird ja wie ein großer Urim und Thummim sein.

Im Ernst: bleiben sich liebende Paare wirklich wie in Vers 17 beschrieben gesondert, nur weil sie nicht im Tempel geheiratet haben? Eine merkwürdige Vorstellung eines liebenden Gottes.

Tröstlich ist hingegen Vers 19, wo es heißt, dass quasi alle, die im Tempel richtig gesiegelt werden, ins celestiale Reich kommen, solange sie keinen Mord begehen, wodurch unschuldiges Blut vergossen würde. Ein Mord mit schuldigem Blut ist also okay. Daher hatte ja vermutlich Joseph Smith auch Porter Rockwell beauftragen können, den Ex-Gouverneur von Missouri zu erledigen, was ihm auch beinahe gelungen war. Und die Greueltaten der von Joseph Smith befehligten ‚Danites‘ waren sowieso in Ordnung. Allerdings muss man nach Vers 26 schon mit einigen Schlägen Satans rechnen. Aber wie soll das genau funktionieren? Satan wird auf irgendeinen anderen Planeten wie dem Mars oder Jupiter verstoßen. Und alle bösen Gesiegelten kommen dann dorthin in eine Art Folterkeller, wo sie werden körperlich, also im Fleisch,  gepeinigt werden (wo doch die katholische Kirche 2007 offiziell die Vorhölle abgeschafft hat). Interessant, dass wir nach der Auferstehung trotz vollkommenem, unsterblichen Körper noch fleischliche Schmerzen erleiden können. Vielleicht werden die Nervenzellen nur vorübergehend aktiviert. Schlimmer noch als diese Ungereimtheiten ist die Vorstellung, dass Leiden eine erlösende Wirkung haben soll. Oder macht Gott das nur, weil ein universelles Gesetz besagt, dass man für Sünden leiden müsse? Oder weil sich sonst die Rechtschaffenen beschweren würden, wenn es keine Strafe für die Sünder gäbe? Dem Bestrafen als erzieherisches Mittel kann ich wenig abgewinnen. Letztlich sorgen noch so viele Schläge nicht dafür, dass Menschen dadurch gut und liebevoll werden. Höchstens dass sie aus Angst vor Strafe sich in bestimmter Weise verhalten. Dieser verkorksten Vorstellung entstammt auch die mittlerweile widerrufene Lehre Joseph Smiths und anschließend insbesondere Brigham Youngs der Blutsühne, wonach Abtrünnige Mitglieder nurmehr dadurch errettet werden können, wenn ihr Blut vergossen wird (denn das Sühnopfer Jesu Christi sei hierfür nicht mehr ausreichend), was die Ermordung mehrerer Abtrünniger, Feinde der Kirche und sogar mehrerer Mitglieder, die in Utah Ehebruch begangen hatten, nach sich zog.

Eine weitere Ausgeburt dieser Idee ist die Lehre etlicher Kirchenführer nach Brigham Young, dass die Kinder von im celestialen Reich gelandeten gesiegelten Paaren ebenfalls errettet werden, auch wenn diese abgefallen sind. Und natürlich müssen die abgefallenen Kinder für ihre Sünden eine zeitlang leiden - egal, welchen Sinn das erfüllen soll. Aber Strafe muss halt sein. Auch hier darf man diese Lehre nicht tiefer hinterfragen, beispielsweise ob das gerecht ist gegenüber den Kindern, die nicht das Glück hatten, glaubenstreue Mormonen-Eltern gehabt zu haben. Oder landen letztendlich doch alle Menschen im celestialen Reich? Das allerdings widerspricht wiederum Vers 22, wonach nur wenige den Weg zur Erhöhung und zur Fortsetzung der Leben finden.Wie Vers 19 erklärt ist das eine Fortsetzung der Samen. Also nur wer mit Partner gesiegelt erhöht wird, kann Geistkinder zeugen, und ist dann ein Gott:
Dann werden sie Götter sein, weil sie alle Macht haben und die Engel ihnen untertan sind. (Vers 20) Erhöhung heißt also, Kinder ohne Ende zeugen und Untertanen haben zu können. Das mit dem Götter werden wird nicht mehr ganz so betont, weil das doch viele Vorwürfe der Gotteslästerung und Anmaßung hervorgerufen hat. Demnach gibt es also viele Götter, aber wir verehren nur unseren jeweiligen 'Erzeuger-Gott'.

In Vers 29 findet sich dann eine weitere problematische Aussage: Abraham ist in seine Erhöhung eingegangen und sitzt auf seinem Thron. Hat denn das Gericht schon stattgefunden? Oder wurde für ihn ein Sondergericht abgehalten? Sollte das Gericht nicht erst nach dem Millenium erfolgen? Wobei das Millenium ja nach Aussage Brigham Youngs mit der Ermordung Joseph Smiths begonnen haben soll.




Lehre und Bündnisse 132 Teil 2: Polygamie, Polyandrie, Vielehe


Vers 34 ist eine Verdrehung der biblischen Aussage von Genesis:
Sarai, Abrams Frau, hatte ihm keine Kinder geboren. Sie hatte aber eine ägyptische Magd namens Hagar. Sarai sagte zu Abram: Der Herr hat mir Kinder versagt. Geh zu meiner Magd! Vielleicht komme ich durch sie zu einem Sohn. Abram hörte auf sie. (16:1-2)
Demgegenüber heißt es in Vers 34:
Gott gebot Abraham, und Sara gab Abraham die Hagar zur Frau. Und warum tat sie das? Weil es das Gesetz war; und aus Hagar entsprangen viele Völker. Darum war dies, unter anderem, die Erfüllung der Verheißungen.
Nach Genesis war es Sara, die auf die Idee kam, und nicht etwa ein göttliches Gebot oder Gesetz. Es war eher ein Mangel an Glauben an die göttliche Verheißung, die dazu führte, dass Sara durch ihre Magd an ein Kind kommen wollte. Und dies war damals durchaus nicht unüblich, aber kein Gesetz. Außerdem hat Abraham Hagar nach Genesis nicht zur Frau genommen, sondern lediglich geschwängert.

Auch die Aussage in Vers 39, Natan habe David die Nebenfrauen gegeben ist aus biblischer Sicht höchst zweifelhaft. Was uns die Bibel hingegen lehrt, ist, dass Mehrehen, Konkubinen und Nebenfrauen zu Streit, Konflikten und Leid führen. Und genauso war es unter Joseph Smith, wo Emma schrecklich litt. Und letztlich war es die Vielehe und in gewisser Hinsicht die Ursprungsfassung von LuB 132, die zu Josephs Ermordung führte. Denn diese wurde auch William Law, dem Ratgeber Joseph Smiths, gezeigt. Woraufhin er zu Joseph Smith ging, um zu klären, ob diese tatsächlich von ihm stamme. Daraufhin wollte er die geheimen polygamen Machenschaften mit Hilfe einer Zeitung ans Tageslicht bringen. Joseph ließ die Druckerpresse zerstören, wurde dafür verhaftet und dann im Gefängnis gelyncht. Auch in Utah hat die Vielehe unheimlich viel Probleme und Kummer verursacht: vereinsamte Frauen, gebrochene Frauenherzen, wenn die Männer sich jüngeren Frauen zuwandten und diese teilweise sogar im gleichen Haushalt lebten, Zwangskastrationen, weil lokale Kirchenführer bestimmte junge Frauen nicht bekamen usw. So riet Eliza Snow den Frauen, sie sollten ihre Zuneigung auf ihre Kinder und nicht ihre Männer richten, um mit der Mehrehe klarzukommen.

Außerdem verdeutlicht Vers 39, dass Joseph Smith Frauen als Ware gesehen hat. So werde David seine Frauen nicht ererben, denn sie werden einem anderen gegeben. Nach Vers 44 hat Joseph die Macht, Frauen zu nehmen und sie einem anderen zu geben. Dieses ‚gegeben‘ und ‚gehört‘ geht im ganzen Abschnitt so weiter. Frauen werden nicht als gleichberechtigte Partner, sondern als Gut und Besitztum gesehen.

Vers 35 und 36 drückt ein ebenso problembehaftetes Prinzip aus: Jedes auch noch so moralisch bedenkliches Verhalten ist gerechtfertigt, wenn von Gott geboten. So ist auch der Völkermord der Israeliten im AT in Ordnung.


Die wenigsten Mormonen kennen den Hintergrund von Vers 51, wo es heißt:
Wahrlich, ich sage dir: Ein Gebot gebe ich meiner Magd Emma Smith, deiner Frau, die ich dir gegeben habe, daß sie sich zurückhalte und nicht von dem nehme, was ich dir gebot, ihr anzutragen;
Emma sollte demnach doch nicht das annehmen, was Joseph ihr durch göttliches Gebot vorgeschlagen hatte. Joseph hatte ihr nämlich einen Partnertausch mit den Laws vorgeschlagen. Emma war nämlich einsam, da Joseph ja seine über 30 Frauen aufsuchte und so schlug Joseph ihr vor, sie könne ja William Law als zusätzlichen Mann bekommen. Dass Frauen mehrere Männer haben konnten, war unter Joseph Smith nicht unüblich. Rund ein Drittel seiner Frauen waren bereits verheiratet und die meisten von ihnen lebten auch weiterhin mit ihren ersten Ehemännern zusammen. So wurde beispielsweise Orson Hydes Frau Nancy während dieser auf Mission in Palästina war zunächst Williard Richards als weiteren Ehemann gegeben. Da diese Beziehung jedoch nicht gut verlief, wurde sie schließlich an Joseph Smith gesiegelt. Oder die 3. Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung, Zina Diantha Huntington (Jacobs) (Smith) (Young), die im März 1841 mit 20 Jahren Henry Jacobs heiratete und dann im Oktober Joseph Smith. 1846 heiratete sie schließlich Brigham Young, der Henry auf Mission nach England geschickt hatte und bei seiner Rückkehr erfahren musste, dass sie nun bei Brigham lebte und mit ihm ein Kind gezeugt hatte. 

Es gab also fröhliches Hin- und Hergeheirate. Und sollte einer Frau dies nicht gefallen, dann wird sie gemäß Vers 54 und 64 vernichtet - was auch immer das in Sachen Herrlichkeiten heißt. Der Mann kann auf jeden Fall tun, was er will. Er sollte seine Frau eigentlich fragen. Sollte sie aber nicht zustimmen, kann er trotzdem fröhlich andere Jungfrauen ehelichen. Beides hat Joseph wenig gekümmert, denn er hat zum einen seine erste Frau Emma nur in wenigen Fällen gefragt und zum anderen eher ein Faible für entjungferte bereits verheiratete Frauen gehabt, wobei er auch 14-Jährige geheiratet hat.

Alles in allem klingt der Abschnitt schon sehr stark nach Drohung von Joseph Smith an Emma gerichtet und nicht gerade nach Erklärung eines liebevollen Gottes und Heilung für Emmas gebrochenes Herz. Die Begründung ist außerdem mehr als fadenscheinig: nur weil Abraham im AT lange Zeit keine Kinder mit seiner Frau zeugen konnte und es damals Sitte war, dass Dienerinnen auch mal Leihmutter spielen mussten, soll das als Teil der Wiederherstellung auch für Joseph Smith vonnöten sein. Sehr verwirrend und widersprüchlich.

Kognitive Dissonanz

Warum die meisten Mitglieder vor den widersprüchlichen Aspekten der Kirche Angst haben und sie unter den Teppich kehren, ignorieren oder tabuisieren: Die Antwort lautet kognitive Dissonanz.

Kognitive Dissonanz ist ein negativer Gefühlszustand, den wir verspüren, wenn wir nicht vereinbare Gedanken, Meinungen, Wünsche oder Absichten haben.
Zunächst einmal fühlen wir Verunsicherung und Angst. Um diese zu reduzieren, setzen wir unterschiedliche Strategien ein. Wir geben z.B. der Information den Vorrang, die unsere Entscheidung als richtig erscheinen lässt, und versuchen die andere Information auszublenden oder abzuwerten.

Wenn Menschen zwischen verschiedenen erstrebenswerten Optionen zu wählen haben, lässt sich auch im Alltag beobachten, dass sie die positiven Aspekte einer einmal getroffenen Entscheidung stärker hervorheben, während sie sich negativen Argumenten ganz verschließen.

„Ich weigere mich, zu glauben, dass die Kirche unwahr sein könnte!“ Menschen weigern sich ihren Glauben zu ändern, auch wenn die Tatsachen durch unzählige Fakten belegbar sind. All das, was dem Leben ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verliehen hatte, soll plötzlich nichts als Lug und Trug sein? Das kann nicht sein, das darf nicht sein, „ich will nicht“, dass es so ist!

Ablehnung ist die primitivste Form der Verteidigung. Es ist wie mit einem Computer, der bei Überlastung einfach abschaltet. Wird dieses Wertgefühl, mit dem wir aufgewachsen sind, mit dem wir bis jetzt gelebt haben, herausgefordert, so scheint es den Mechanismen in unseren Gehirnen einfacher, dieses eine Detail, auch wenn es uns schwarz auf weiß vor die Nase gehalten wird, zu ignorieren als unser gesamtes Weltbild neu zu gestalten.

Es gibt angeblich drei Gruppen von Menschen. Die erste ist „empirisch orientiert“ oder „empirical people“. Von ihnen werden die Fakten studiert, gegeneinander abgewogen, und darauf basierend entsteht die Meinung.

Dann gibt es die so genannten „Paradigmatiker“. In diesem Fall ist eine Grundeinstellung, ein Paradigma, vorgegeben. So funktioniert die Welt. Und was in dieses Bild nicht passt, wird abgelehnt.

Der dritten Gruppe gehören die meisten Menschen an. Sie sind Wunschdenker; oder besser: Wunsch- und Angstdenker. Von ihnen wird praktisch alles zurückgewiesen, was Furcht und ein Gefühl der Unsicherheit hervorrufen könnte.

Es gibt eine alte Redewendung: Wenn dir die Botschaft nicht gefällt, dann töte den Überbringer.

Wenn eine bestimmte Information, auch wenn sie belegbar ist, nicht in ein vorgegebenes Konzept passt, dann wird sie zurückgewiesen.

Die Frage, ob die Zweifel an einer Auffassung berechtigt sein könnten, wird erst gar nicht gestellt. Fakten werden nicht eingesehen. Worten wird kein Gehör geschenkt. Aussagen werden - auch wenn es noch so schwierig ist - nach Belieben umgedeutet. Und nachdem ohnehin der größte Teil der Herde dem Hirten folgt, dann wird es sich dabei wohl um die beste Entscheidung handeln. Wer möchte schon als Außenseiter gelten? Wer möchte wie ein Außenseiter denken? Da schalten wir doch lieber unsere rationale Denkfähigkeit ab.

Satan und vorirdisches Dasein


Im Gegensatz zur Vorstellung Vieler wird die Schlange im Garten Eden im AT nicht mit Satan gleichgesetzt. Hier heißt es nur:


Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. (Genesis 3:1)


Erst im NT wird die Verbindung zwischen der Schlange und Satan hergestellt:

Ich fürchte aber, wie die Schlange einst durch ihre Falschheit Eva täuschte, könntet auch ihr in euren Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe an Christus abkommen. (2. Korinther 11:3)

Stellen im AT wie Jesaja 27:1 beziehen sich nicht auf die Schlange im Garten Eden, sondern das babylonische Seeungeheuer Leviatan als Sinnbild für das vor der Schöpfung herrschende Chaos bzw. den heidnischen Meeresgott der Nachbarvölker Israels.

An jenem Tag bestraft der Herr mit seinem harten, großen, starken Schwert den Leviatan, die schnelle Schlange, den Leviatan, die gewundene Schlange. Den Drachen im Meer wird er töten. (Jesaja 27:1)

Mit deiner Macht hast du das Meer zerspalten, die Häupter der Drachen über den Wassern zerschmettert. Du hast die Köpfe des Leviatan zermalmt, ihn zum Fraß gegeben den Ungeheuern der See. (Jesaja 74:13,14)

Im AT gibt es keinen Satan oder Teufel, der in Auflehnung zu Gott handelt und die Menschen verführt. Stattdessen ist Satan keine Person, sondern ein Amt im Rat Gottes. Denn laut AT kommt sowohl alles Gute als auch alles Böse von Gott. Satan kann man in gewisser Hinsicht mit der Aufgabe des Staatsanwalts bei Gericht vergleichen, außer dass er auch noch zum Verbrechen verführt und für Verbrechen bestraft.

Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn. (Hiob 1:21)
Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen? (Hiob 2:10)
Der Herr entgegnete ihm: Wer hat dem Menschen den Mund gegeben und wer macht taub oder stumm, sehend oder blind? Doch wohl ich, der Herr! (Exodus 4:11)
Ich aber will das Herz des Pharao verhärten und dann werde ich meine Zeichen und Wunder in Ägypten häufen. (Exodus 7:3)
Er wandelte ihren Sinn zum Hass gegen sein Volk, sodass sie an seinen Knechten tückisch handelten. (Psalm 105:25)
Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt. (Jesaja 45:7)
Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht mehr fürchten? (Jesaja 63:17)
Der Geist des Herrn war von Saul gewichen; jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam. (1. Sam. 16:14)

So gehört Satan zu den Gottessöhnen im Himmel:

Nun geschah es eines Tages, da kamen die Gottessöhne, um vor den Herrn hinzutreten; unter ihnen kam auch der Satan. (Hiob 1:6)

Dass die Mitglieder im Rat Gottes auch die Aufgabe haben,  für Versuchung zu sorgen, wird besonders hier deutlich:
Micha aber fuhr fort: Darum - höre das Wort des Herrn: Ich sah den Herrn auf seinem Thron sitzen; das ganze Heer des Himmels stand zu seiner Rechten und seiner Linken. Und der Herr fragte: Wer will Ahab betören, sodass er nach Ramot-Gilead hinaufzieht und dort fällt? Da hatte der eine diesen, der andere jenen Vorschlag. Zuletzt trat der Geist vor, stellte sich vor den Herrn und sagte: Ich werde ihn betören. Der Herr fragte ihn: Auf welche Weise? Er gab zur Antwort: Ich werde mich aufmachen und zu einem Lügengeist im Mund all seiner Propheten werden. Da sagte der Herr: Du wirst ihn betören; du vermagst es. Geh und tu es! So hat der Herr jetzt einen Geist der Lüge in den Mund all deiner Propheten gelegt; denn er hat über dich Unheil beschlossen. (1. Könige 22:19-23)

Im Vater-Unser findet sich ein Nachklang dieser Vorstellung mit: Und führe uns nicht in Versuchung.
J
esaja 14:12-15 wird fälschlicherweise Satan zugeschrieben:
Ach, du bist vom Himmel gefallen, du strahlender Sohn der Morgenröte. Zu Boden bist du geschmettert, du Bezwinger der Völker. Du aber hattest in deinem Herzen gedacht: Ich ersteige den Himmel; dort oben stelle ich meinen Thron auf, über den Sternen Gottes; auf den Berg der (Götter-) versammlung setze ich mich, im äußersten Norden. Ich steige weit über die Wolken hinauf, um dem Höchsten zu gleichen. Doch in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen, in die äußerste Tiefe.

Wie Vers 20 jedoch deutlich macht, wird hier nicht über den Teufel gesprochen, sondern über den König von Babylon, der wie im Orient üblich mit Gott verglichen wird:
Du hast dein eigenes Land zugrunde gerichtet, hingemordet dein eigenes Volk; darum soll man die Namen der Nachkommen dieses Verbrechers niemals mehr nennen.

Erst im NT wird Satan als gegen Gott handelndes Wesen dargestellt, wie es in den Versuchungen Jesu deutlich wird (Matth. 4:1-11). Woher der Wandel? Man geht davon aus, dass die persischen Dämonen-Vorstellungen einen Einfluss auf die jüdischen Vorstellungen gehabt haben. Nach Christi musste man nun die Vorstellungen des AT mit dem NT verbinden. Dazu finden wir im Lukasevangelium einen ersten Hinweis:
Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. (Lukas 10:18)

Am deutlichsten wird es in Offenbarung 12. Hier wird Satan sowohl mit der Schlange aus Genesis als auch dem babylonischen Drachen gleichgesetzt:
Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen. (Offenb. 12:9)

In der Bibel wird Satans Vertreibung nicht im Zusammenhang mit Geschehnissen vor der Grundlegung der Welt beschrieben. Unklar bleibt, wann genau der Kampf stattgefunden haben soll. Die meisten Interpretationen gehen davon aus, dass Satan zunächst die im AT beschriebene göttliche Aufgabe des Anklägers ausübte, dann irgendwann übermütig wurde und schließlich aus dem Himmel vertrieben wurde.
Offenbarung erklärt somit, warum nach Gottes Sieg am Kreuz nach wie vor Sünde und Verfolgung der Gläubigen existieren. Der Autor von Offenbarung ging jedoch davon aus, dass der endgültige Sieg über Satan unmittelbar bevorstand. Aus heutiger Sicht ist es somit nicht verständlich, warum Gott das Treiben Satans auf der Welt nach seiner Vertreibung und die von ihm kontrollierte Versuchung in seinem Sinne im AT nun als Krieg gegen ihn duldet.
Andere Theologen sehen alle Berichte über Satan in der Bibel als bildlich, als Versuch, das Böse im Menschen zu erklären. Denn so muss man den Menschen nur zum Teil für seine niederen Taten verantwortlich machen.
Buch Mormon und Lehre Bündnisse bestätigen den Fall Satans bzw. dessen Vertreibung aus dem Himmel. Für die AT-Zeit jedoch untypisch haben die Akteure im BM von Anfang an eine nachchristliche Vorstellung von Satan.
Und ich, Lehi, muß nach dem, was ich gelesen habe, notwendigerweise annehmen, daß ein Engel Gottes, nach dem, was geschrieben steht, vom Himmel gefallen war; darum ist er ein Teufel geworden, denn er hatte nach dem getrachtet, was böse ist vor Gott.  (2. Nephi 2:17)

Und der auch zu Joseph Smiths Zeiten bekannten Lehre vom rein bildlichen Verständnis des Teufels wird im BM eine klare Absage erteilt. Darüber hinaus muss Laut 2. Nephi 2:18 der Fall Satans vor Grundlegung der Welt stattgefunden haben, da er mit der Schlange aus dem Garten Eden gleichgesetzt wird.

In LuB wird die Lehre aus dem BM zunächst bestätigt:
Der Teufel versuchte Adam, und dieser aß von der verbotenen Frucht und übertrat das Gebot, wodurch er dem Willen des Teufels untertan wurde, weil er der Versuchung nachgab. (LuB 29:40)
Und dies haben wir auch gesehen und geben Zeugnis, daß ein Engel Gottes, der in der Gegenwart Gottes Vollmacht hatte, der sich auflehnte gegen den Einziggezeugten Sohn, den der Vater liebte und der am Herzen des Vaters war, aus der Gegenwart Gottes und des Sohnes hinabgeworfen wurde  und Verderben genannt wurde, denn die Himmel weinten über ihn—er war Luzifer, ein Sohn des Morgens. (LuB 76:25-26)

Und so kommen wir zum vorirdischen Dasein:

Im AT finden wir keine klaren Hinweise auf einen Geist oder Seele, die getrennt vom Körper des Menschen existiert.

Genesis 2:7 spricht nur davon, dass durch den Lebensatem der Mensch zu einem lebendigen Wesen wurde.
Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder in euer Land. (Hesekiel 37:14)

Schriftstellen wie diese könnten jedoch so gedeutet werden:
Jedoch, es ist der Geist im Menschen, des Allmächtigen Hauch, der ihn verständig macht. (Hiob 32:8)
… der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat. (Kohelet 12:7)

Auch im NT wird nicht klar, was genau der Geist oder die Seele des Menschen ist.
Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; (Heb. 4:12)
Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt. (1. Thess. 5:23)

Genauso wenig spricht es im AT oder NT von einer realen Existenz des Menschen vor seiner Geburt. So kann diese Aussage genauso als Bestätigung des Vorherwissens Gottes verstanden werden:
Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jeremia 1:5)

Die Frage in Hiob Wo warst du, als ich die Erde gegründet? (Hiob 38:7) stellt eher in Frage, dass Hiob bei der Erschaffung der Erde dabei war. Und es ist wohl so, dass Hiob nicht zu den jubelnden Gottessöhnen gehörte. Vielmehr wurde darunter der Rat der Götter bzw. Engel verstanden.

Im NT wird häufig die Aussage anlässlich der Heilung eines von Geburt an Blinden als Bestätigung des Glaubens an ein vorirdisches Dasein verstanden.
Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? (Johannes 9:2)

Erstens lässt sich aus der Antwort Jesu keine Bestätigung erkennen. Zweitens bezieht sich die Aussage wahrscheinlich auf den rabbinischen Glauben an die Möglichkeit zur Sünde im Bauch der Mutter oder die verbreitete Vorstellung von der Möglichkeit der Wiedergeburt:
Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. (Matth. 16:14)

Auch im BM finden sich keine klaren Hinweise auf ein vorirdisches Dasein, wohl aber die Vorstellung von einer vom Körper getrennt existierenden Seele.

Einzig Alma 13:3 könnte als Hinweis auf ein vorirdisches Dasein gesehen werden. Aus Alma 13:3 geht jedoch nicht klar hervor, ob sich die beschriebene Rechtschaffenheit auf ein Handeln im vorirdischen Dasein oder Gottes Vorherwissen der Rechtschaffenheit auf Erden bezieht.
Und dies ist die Weise, nach der sie ordiniert wurden—sie waren von Grundlegung der Welt an gemäß dem Vorherwissen Gottes und aufgrund ihres außerordentlichen Glaubens und ihrer guten Werke berufen und vorbereitet; zuallererst war es ihnen überlassen, Gut oder Böse zu wählen; weil sie nun das Gute erwählt und überaus großen Glauben ausgeübt haben, sind sie durch eine heilige Berufung berufen, ja, durch jene heilige Berufung, die zusammen mit einer vorbereitenden Erlösung und gemäß derselben für so jemand bereitet worden ist.

Weiterhin finden sich erste Hinweise in der Bibelübersetzung Joseph Smiths des Schöpfungsberichts, in Mose 3:5:
und jede Pflanze des Feldes, bevor sie auf Erden war, und jedes Kraut des Feldes, bevor es wuchs. Denn ich, der Herr, Gott, erschuf alles, wovon ich gesprochen habe, geistig, ehe es natürlich auf dem Antlitz der Erde war. Denn ich, der Herr, Gott, hatte noch nicht regnen lassen auf dem Antlitz der Erde. Und ich, der Herr, Gott, hatte alle Menschenkinder erschaffen und doch noch keinen Menschen, der die Erde bebaute, denn im Himmel erschuf ich sie, und noch war kein Fleisch auf der Erde, auch nicht im Wasser, auch nicht in der Luft;

Es spricht von einer geistigen Schöpfung im Himmel. Es bleibt unklar, was genau darunter zu verstehen ist. Ist darunter die Planung zu verstehen oder die Kreation von Geistkörpern und Geistpflanzen? Es wird allerdings nicht davon gesprochen, dass etwa die geistige Schöpfung der Tiere anders verlaufen wäre als der Menschen. Auch gemäß LuB 77:2 ist es so, dass nicht nur die Menschen Geister besitzen, sondern alle Lebewesen – also auch alle Mücken, Fliegen und Spinnen.  
der Geist des Menschen gleicht seiner körperlichen Gestalt und ebenso der Geist der Tiere und eines jeden anderen Geschöpfs, das Gott geschaffen hat.

Waren die dann auch im vorirdischen Dasein bei Gott? Und begegnen wir den Abermilliarden an Insekten etwa wieder in der Auferstehung?

1833 fügt Joseph Smith diesen Lehren die Vorstellung aus dem Freimaurertum von Intelligenz und Licht hinzu sowie die Andeutung, dass es etwas vom Menschen gibt, was nicht erschaffen wurde, sondern ewig existiert:
Der Mensch war auch im Anfang bei Gott. Intelligenz oder das Licht der Wahrheit wurde nicht erschaffen oder gemacht und kann es auch gar nicht. (LuB 93:29)

Zunächst einmal erscheint es als ein Widerspruch zu dem, was Joseph Smith vorher gelehrt hatte, nämlich:
Denn durch die Macht meines Geistes habe ich es erschaffen; ja, alles, Geistiges und auch Zeitliches (LuB 29:31)
und damit sie sich mit dem Maß an Menschen fülle, gemäß seiner Erschaffung, ehe die Welt gemacht wurde. (LuB 49:17)

Auch mit der offenbarten „Übersetzung“ der Pergamente von den Mumien in Nauvoo in Form des Buch Abrahams wird beschrieben, dass der Mensch etwas Ewiges beinhaltet:
[Die Geister] haben zuvor existiert, sie werden kein Ende haben, sie werden hernach existieren, denn sie sind n-olam oder ewig. (Abr. 3:18)

Die Erschaffung muss dann also die beschriebene Formung sein:
Nun hatte der Herr mir, Abraham, die Intelligenzen gezeigt, die geformt wurden, ehe die Welt war; (Abr. 3:22)

Im Englischen spricht es von ‚organization‘, also Organisation statt Formung. So sprach Joseph Smith davon, dass eine Organisation durch die Ordnung des Priestertums stattfand.

Erst nach Joseph Smiths Tod entwickelte sich die Lehre von der geistigen Geburt des Menschen, nämlich Gott habe aus den ewig existierenden Intelligenzen Geistkinder geschaffen. Joseph Smith hingegen hat gelehrt, dass der Geist der Menschen von ewiger Natur ist:
Der Geist des Menschen ist kein geschaffenes Wesen. Es existierte von Ewigkeit und wird bis in alle Ewigkeit existieren. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 9)
Ich glaube, dass die Seele ewig ist und keinen Anfang besitzt. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 33)
Wenn die Seele des Menschen einen Anfang hätte, hätte sie sicher auch ein Ende. […] Geister sind ewig. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 60)
Der Geist oder die Intelligenz der Menschen sind selbst existierende Prinzipien. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 68)

Joseph Smith hat ‚Geister‘, ‚Seele‘ und ‚Intelligenz‘ wechselnd verwendet, aber klar als ewig existierend erklärt. Die Formung bzw. Organisation bestand in einer Ordnung der Seelen:
Er, der in den Himmeln regiert, wenn er ein bestimmtes Werk zu tun hat, ruft die Geister zu ihm, um sie zu organisieren. (Ehat and Cook, The Words of Joseph Smith, S. 207)

Wurden Geister nun geschaffen? Wurden sie geboren? Oder existierten sie von aller Ewigkeit an? Gibt es einen Unterschied zwischen Intelligenz und Geistelement? Fragen über Fragen. Die Lehre von der Geistgeburt entstand vermutlich auf Basis von LuB 132:19, wo die Erhöhung als eine Fülle und eine Fortsetzung der Samens bezeichnet wird, was als Möglichkeit interpretiert wird, Geistkinder zu erschaffen.
Auf jeden Fall muss man feststellen, dass es sehr schwer fällt, die verschiedenen Lehren aus den einzelnen Heiligen Schriften in Einklang zu bringen. Und es ist auch eine Mär, dass die Lehre Joseph Smiths für Klarheit gesorgt hätte. Die vereinfachte heutige Lehre verdanken wir eher Leuten wie Parley P. Pratt und Bruce R. McConkie.

Bleibt noch der Rat und Krieg im Himmel:

Wie bereits dargestellt gibt es im AT keinen Hinweis auf einen Gott feindlich gesinnten Satan. Hinweise auf eine Auseinandersetzung im Himmel beziehen sich auf heidnische Vorstellungen von kämpfenden Drachen während der Schöpfung (siehe bspw. Jesaja 51:9). Darüber hinaus gibt es die Legende von Engeln, die entgegen dem Willen Gottes auf die Erde kamen und sich Frauen nahmen. Dies wird in Genesis 6 beschrieben und als eine der Ursachen für die Notwendigkeit der Flut angeführt, denn diese hätten üble Riesen als Kinder zur Welt gebracht. Hierauf bezieht sich Judas 1:6:
Die Engel, die ihren hohen Rang missachtet und ihren Wohnsitz verlassen haben, hat er mit ewigen Fesseln in der Finsternis eingeschlossen, um sie am großen Tag zu richten.

Möglicherweise entstammt dieser Schriftstelle die LDS-Lehre vom ersten Stand (in der King James Bibel heißt es ‚ersten Stand‘ statt ‚hohen Rang‘), wie sie dann in Abr. 3:26 zum Ausdruck kommt. Wie dem auch sei, nach jüdischem Glauben wurden diese rebellischen Engel an einen besonderen Ort unter der Erde verbannt. Und dies wird im NT aufgegriffen als den Ort, den Jesus während seiner Zeit im Grab besucht haben soll.

Joseph Smith hat in Mose 8:13-15 die Geschichte umgedreht. So sollen gläubige Frauen ungläubige Männer geheiratet haben. Später hat Joseph Smith diese Interpretation jedoch wieder revidiert:
Die Geschichte von Josephus, in der er von Engeln spricht, die herunter kamen und sich von den Töchtern der Menschen Frauen nahmen […] dies waren auferstandene Wesen, die die celestialen Gesetze brachen. (George Laub´s Nauvoo Journal, S. 174)

Die Verbannung dieser rebellischen Engel hat nichts mit einem Krieg im Himmel zu tun. Der einzige Verweis in der gesamten Bibel auf einen Konflikt im Himmel findet sich in Offenbarung 12. Aus Offenbarung wird nicht deutlich, wann der Konflikt stattfand. Bibelforscher sehen darin einen Ausdruck der Zuspitzung zwischen den Guten und Schlechten Kräften kurz vor dem Millenium, wie sie in der Verfolgung der frühen christlichen Kirche gesehen wurde.

Im Buch Mormon findet sich nur der Hinweis in 2. Nephi 2:17 auf den Fall Satans. Und auch in der Köstlichen Perle wird nirgendwo von einem Krieg im Himmel gesprochen. Einzig dass Satan und seine Anhänger sich aus dem Himmel verabschiedeten:
Und der zweite wurde zornig und bewahrte sich seinen ersten Stand nicht, und an jenem Tag folgten ihm viele nach. (Abr. 3:28)

In LuB heißt es erst nur, dass Satan Krieg auf der Erde führt:
Und während wir noch im Geist waren, gebot uns der Herr, die Vision niederzuschreiben; denn wir erblickten den Satan, jene alte Schlange, nämlich den Teufel, der sich gegen Gott auflehnte und danach trachtete, das Reich unseres Gottes und seines Christus an sich zu nehmen— darum führt er Krieg mit den Heiligen Gottes und schließt sie ringsum ein. (LuB 76:28-29)

Laut LuB 88 (als Joseph Smith sich mit Offenbarung 12 beschäftigte) findet der Krieg zwischen den Heeren Michaels und Satans nach dem Millenium statt:
Und der Teufel wird seine Heere sammeln, nämlich die Scharen der Hölle, und wird zum Kampf gegen Michael und seine Heere heranrücken.  Und dann kommt die Schlacht des großen Gottes; und der Teufel und seine Heere werden an ihren eigenen Ort geworfen werden, so daß sie über die Heiligen nimmermehr irgendwelche Macht haben werden. (LuB 88:113-114)

Die Mär vom Krieg im Himmel hat somit keinerlei Fundament in den Heiligen Schriften oder Lehren Joseph Smiths. Sie entstammt einzig Orson Pratts Interpretation von Offenbarung 12, die er 1853 gab. Daraus entwickelten sich verschiedenste Vorstellungen dieses angeblichen Kriegs bis hin zur Lehre, die Schwarzen wären während dieses Krieges nicht tapfer genug gewesen und deshalb wurde ihnen das Priestertum vorenthalten. Noch heute gibt es viele Mitglieder, denen in ihren patriarchalischen Segen von einer besonderen Rolle in jenem vorirdischen Krieg berichtet wird – alles auf Basis von Kirchenlegenden.
Eine weitere Kirchenlegende ist die, dass Satan in jenem vorirdischen Rat die Entscheidungsfreiheit wegnehmen und uns alle zu gutem Handeln zwingen wollte.  Mose 4:1 spricht aber nur davon, dass er alle Menschen – egal, was sie tun würden – erlösen wollte:
Und ich, der Herr, Gott, sprach zu Mose, nämlich: Jener Satan, dem du im Namen meines Einziggezeugten geboten hast, ist derselbe, der von Anfang an gewesen ist; und er trat vor mich und sprach: Siehe, hier bin ich, sende mich; ich will dein Sohn sein, und ich will die ganze Menschheit erlösen, daß auch nicht eine Seele verlorengeht, und gewiß werde ich es tun; darum gib mir deine Ehre.

Joseph Smith hat gelehrt, dass Satan damit prahlte indem er sagte: Sende mich, ich kann alle erretten, selbst diejenigen, die gegen den Heiligen Geist sündigen. (George Laub´s Nauvoo Journal, S. 171)

Auch Orson Pratt lehrte:
Die Entscheidungsfreiheit wurde allen intelligenten Wesen gegeben. Und Satan versuchte dies zu zerstören und alle in ihren Sünden zu erretten.

Also nichts von Zwang. Die große Frage bleibt jedoch, wenn es Satan gibt, warum er nicht das nahe liegende tut, um den Plan Gottes zu vereiteln, nämlich nichts.

Fazit:

So klar und einfach ist die Lehre vom Plan Gottes mit vorirdischen Dasein usw. ganz und gar nicht. Viele der heutigen Lehren stehen im Widerspruch zu biblischen Aussagen oder lassen sich kaum darin wiederfinden. Und das Buch Mormon als Buch mit der Fülle des Evangeliums bringt wenig zusätzliche Erleuchtung.